Meinung : „Ich habe gerade unterschrieben“

Clemens Wergin

Der Skandal hat alle Elemente eines Polit-Krimis: Der italienische Zentralbankchef Antonio Fazio wird von der Polizei abgehört. Dabei kommt heraus, dass er bei zwei von ihm nicht genehmigten Übernahmen italienischer Finanzinstitute durch ausländische Bieter offenbar parteiisch war. Die Europäische Zentralbank leitet Ermittlungen gegen ihr Ratsmitglied ein. Und Freunde von Fazio behaupten, es sei eine antikatholische Kampagne im Gange, um den überzeugten Katholiken und vierfachen Vater aus dem Sessel des Chefbankers zu entfernen. Auf einem Parteitreffen von Silvio Berlusconis Forza Italia ist vor versammeltem Publikum von einer „jüdischen Lobby“ die Rede, die Fazio weghaben wolle. Gestern sah sich der Regierungschef deshalb genötigt, den Vorwurf des Antisemitismus zu entkräften.

Im Fall des 68-Jährigen Fazio treten wie in einem Brennglas die Probleme Italiens zu Tage. Jene marktverzerrende Verflechtung von Wirtschaft und Politik und ein viel zu großer Einfluss der katholischen Kirche auf Italiens Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Und in der Figur des Zentralbankchefs, der eigentlich die Bastion der Neutralität in jedem Euro-Land zu sein hat, zeigt sich auch ein immer schneller voranschreitendes Zerbröseln institutioneller Ethik in Italien, wie sie vor allem mit der Person Silvio Berlusconis verbunden ist, dem größten wandelnden Interessenkonflikt Europas. Kein Wunder also, dass sich der Regierungschef noch immer zu keiner klaren Rücktrittsforderung an Fazio aufraffen kann.

Italiens oberster Banker besitzt eine in Europa einmalige Machtfülle. Er ist nicht nur Aufseher über das Bankenwesen, sondern auch oberster Wettbewerbshüter. Fazio war seinen Kollegen bei der EZB schon lange ein Dorn im Auge, weil sie ihn mit dafür verantwortlich halten, dass Italiens Bankensystem die niedrigste Verflechtungsrate mit ausländischen Instituten in Europa aufweist. Dass Fazio nun im trauten Gespräch mit dem Chef der „Banca Populare Italiana“ ertappt wurde, die von der Ausbootung der ABN Amro bei der Übernahmeschlacht um die Banca Antonveneta profitierte, könnte der EZB einen willkommenen Vorwand liefern, Fazio das Misstrauen auszusprechen. „Ich habe gerade unterschrieben“, sagte Fazio am Telefon, nachdem er in Rekordzeit die Übernahme der Antonveneta durch die Banca Populare genehmigt hatte. Deren Chef antwortete: „Tonino, am liebsten würde ich dich jetzt auf die Stirn küssen.“ Es könnte ein Abschiedskuss werden.

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