Meinung : „Ich habe gute Beziehungen zu allen“

Charles A. Landsmann

Er könnte der richtige Mann am richtigen Ort sein. Oder ist er nur eine Marionette, ein Feigenblatt der Hamas? Mohammed Schabir wird mit großer Wahrscheinlichkeit neuer palästinensischer Ministerpräsident, nachdem sich die radikalislamische Hamas und die nationalistische Fatah auf den 60-jährigen Doktor der Mikrobiologie und Pharmazeuten geeinigt haben.

Wer dieser Mann ist, das fragen sich dieser Tage ebenso der einfache Mann auf der Straße wie Palästina-Experten in der arabischen Welt und in Israel. Denn dass Schabir Dozent, dann Dekan an der Islamischen Universität in Gaza war und schließlich deren Präsident wurde, haben allenfalls Akademiker und seine Studenten mitbekommen. Nach politischen Aussagen des designierten Regierungschefs sucht man dagegen erfolglos.

Schabir soll der Hamas nahe stehen, ihr aber weder angehören noch sie aktiv unterstützen. Er sei politisch moderat. Für diese Personenbeschreibung hat einer der führenden israelischen Palästina-Experten, Mosche Elad, nur Sarkasmus und Hohn übrig: Der Präsident der Islamischen Universität werde von der obersten Hamas-Führung gewählt, er sei so etwas wie „der oberste Erziehungsoffizier der Bewegung“, „ein Hamas-Mann par excellence“.

Schabir selbst geht noch nicht aus der Deckung. „Bislang habe ich keine Ernennung von Präsident Mahmud Abbas erhalten. Ich habe alles nur aus den Medien erfahren“, erklärte er ausgerechnet im israelischen Radio. „Ich unterhalte gute Beziehungen zu allen“, ließ er über die diversen palästinensischen Bewegungen verlauten, aber auch zu seinem Verhältnis zu den USA, wo er studiert hat. Zu Israel kündigte er eine „realistische“ Position an – was immer das heißen mag.

Realpolitik betreiben heißt für ihn vorrangig, als Chef einer Regierung der nationalen Einheit dafür zu sorgen, dass wieder Hilfsgelder aus dem Ausland fließen. Der von den USA und der EU angeführte Boykott der Hamas-Regierung unter Ismail Hanija war so erfolgreich, dass diese nun zurücktreten muss, aber auch so verheerend, dass nahezu die gesamte palästinensische Wirtschaft zusammenbrach. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass Geld keineswegs alle Probleme der Palästinenser löst – und in der palästinensischen Politik keine einigende Kraft darstellt, sondern allzu oft Sprengstoff. Von diesem gibt es ohnehin mehr als genug, um ein schnelles Ende von Schabirs Regierung der nationalen Einheit herbeizuführen.

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