Meinung : „Ich habe mich nicht verändert“

Michael Schmidt

Er war für viele ein Hoffnungsträger. Jetzt macht er eine denkbar schlechte Figur. Denn Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, genannt Lula, hat große Erwartungen geweckt, aber nicht erfüllt: Der vermeintliche Heilsbringer – er droht als bloßer Heilsankündiger zu enden.

Zwei Versprechen waren es, mit denen der Linksgerichtete 2002 im vierten Anlauf die Präsidentenwahl gewinnen konnte. Den Hunger wollte er beseitigen. Das ist ihm bisher nicht gelungen. Zu hoch gesteckt war das Ziel, zu gering die Mittel, die bisher für das „Fome-Zero“-, das Null-Hunger- Programm zur Verfügung gestellt wurden. Und mit der Korruption wollte er aufräumen. Aber jetzt hat er selbst mit einem Korruptionsskandal zu kämpfen, der seit Wochen, ja Monaten das Land bewegt. Erst am Freitag hat er sich zu einer lang erwarteten Entschuldigung durchgerungen. Nicht ohne zu versichern, dass er nichts von den Schmiergeldzahlungen an Abgeordnete der Opposition gewusst habe, mit denen deren Stimmen gekauft wurden. Er fühle sich verraten, sagte der Präsident, und er sei empört über die täglich neuen Enthüllungen, ließ er die Öffentlichkeit wissen.

Seit zweieinhalb Jahren lenkt der charismatische Lula die Geschicke des 170-Millionen-Einwohner-Landes. Was ihn einst zum Idol der Massen machte, ist seine Vita: vom armen Bub zum Staatschef, vom gelernten Dreher ohne Hauptschulabschluss und Gewerkschaftsführer, der die Militärdiktatur herausforderte, ins Präsidentenamt der siebtgrößten Wirtschaftsnation der Welt. Lula kennt mithin die Probleme aus eigenem Erleben, deren Lösung er als Staatspräsident in Angriff nehmen wollte. Durch seinen Umgang mit der aktuellen Krise aber könnte er sein größtes Kapital verspielen: seine nach wie vor große Popularität, das Vertrauen, das er genießt, die Aufbruchstimmung, die seine Wahl dem Land beschert hat.

Denn einem Sozialisten wie Lula, der in seinem Land für fünf Prozent Wachstum sorgt, strenge Etatdisziplin hält und pünktlich die brasilianischen Auslandsschulden bedient, schenken zwar die internationalen Wirtschaftslenker ihren Respekt. Doch die Gewerkschafter, Mitglieder von Basisgruppen, Umweltaktivisten und Befreiungstheologen interessieren sich vor allem dafür, was bei der Politik des Präsidenten herauskommt für die, die am unteren Ende der sozialen Leiter stehen. Und bei ihnen wächst die Enttäuschung von Tag zu Tag.

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