Ich habe verstanden : Bisschen dumm, bisschen geil – so ist er halt, der Deutsche

Ab Montag leben sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten - und Facebook vernetzt sie alle. Die Sache hat nur einen Haken: Der durchschnittliche Internetnutzer lebt in seiner eigenen Welt.

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Matthias Kalle. Foto: Privat
Matthias Kalle.Foto: Privat

Als es auf der Welt nur eine Milliarde Menschen gab, da hatte man da im Prinzip auch nichts von. Zwar war es nicht so voll wie es wohl ab Montag werden wird wenn, wahrscheinlich in Afrika, der siebenmilliardste Mensch auf die Welt kommt, dafür wurde man in Deutschland im Durchschnitt auch nur 38 Jahre alt. Demnach wäre ich jetzt im Spätherbst meines Lebens, Großes geleistet habe ich in den Jahren, die ich hatte, eigentlich nichts, aber das ist nicht meine Schuld, das liegt an den Umständen. Ich bin offensichtlich jeden Tag viel zu lange in diesem Internet.

Die so genannte Werbeagentur Jung von Matt hat die Internetnutzung eines Durchschnittsdeutschen untersucht, eigentlich hat sie komplett den Durchschnittsdeutschen untersucht. Ich weiß zwar nicht warum – vielleicht haben die bei so einer Werbeagentur zu viel Zeit, weil sie keine Kunden mehr haben, die Werbung brauchen oder sich Werbung leisten können, es ist ja auch schon 20 Jahre her, dass „Werber“ als Traumberuf galt, heute will ja kein junger Mensch mit Verstand mehr Werber werden. Jedenfalls gibt es jetzt diese Studie, der zur Folge der Durchschnittsdeutsche Thomas Müller heißt, 46 Jahre und verheiratet ist und einen Sohn hat. Die Müllers leben in einer 90-Quadratemter-Wohnung mit Teppichboden, Sitzgruppe und Yukkapalme, seit vier Jahren haben sie einen Computer zu Hause und was damit passiert, interessiert die Werber, sie haben sich das Surfverhalten der Deutschen genauer angeschaut, und das zeigt unter anderem, dass Thomas Müller, wenn er zu Ebay will, das Wort „Ebay“ bei Google eintippt und dann auf den ersten Treffer klickt. Ist der Mann abends alleine zu Hause, schaut er sich im Internet Pornofilme an. Bisschen dumm, bisschen geil – so ist er halt, der Deutsche.

Echt? Nun ist es ja tatsächlich so, dass ein Viertel aller Deutschen überhaupt nicht ins Internet gehen, weil sie nicht wüssten, was sie da suchen sollen. Wer da was sucht, sucht bei Wikipedia und bei Youtube – selber da was reinstellen, wollen aber keine zehn Prozent der Nutzer, sie große Mehrheit verhält sich passiv, deshalb sind zum Beispiel auch Twitter und Blogs ziemlich randständige Angebote, andererseits steigen die Nutzerzahlen von Angeboten wie Facebook – und zwar auch bei Menschen über 40, weil sie so ihre Freizeitaktivitäten besser koordinieren können. Was dann ja auch schon wieder Sinn macht, wenn es so unglaublich viele Menschen auf der Welt gibt: Wie soll man mit sieben Milliarden Menschen in Verbindung bleiben? Anrufen ist da ja ganz schlecht.

Wenn es dann am Montag endlich sieben Milliarden Menschen auf der Welt gibt, funktioniert dann eigentlich noch die Kleine-Welt-Regel, die besagt, das eigentlich jeder jedem kennt? Bereits 1967 behauptete ein amerikanischer Psychologe, dass jeder Mensch jeder anderen Menschen über sechs Ecken kennen würde. Die These wurde jahrelang angezweifelt, aber 2008 stellten Wissenschaftler fest, dass sie stimmt: Sie analysierten die Verbindungen von 240 Millionen Instant-Messenger-Accounts, 30 Milliarden Einzelverbindungen umfassten die Protokolle, und das Ergebnis war, dass durchschnittlich 6,6 Personen lang die Kette ist, die zwei Menschen miteinander verbindet, anscheinend bleibt diese Zahl relativ konstant, egal, wie viele Menschen es auf der Welt gibt.

Ich halte mich da allerdings lieber an eine andere Zahl, nämlich an der Dunbar-Zahl, benannt nach dem britischem Psychologen Robin Dunbar. Der untersuchte in den 90er Jahren den Zusammenhang zwischen dem Gehirnaufbau von Säugetieren und der Gruppengröße, in denen die Säugetieren leben. Für die Menschen, also für uns, ist eine Gruppengröße von 150 die Obergrenze – mehr geht nicht, mehr soziale Beziehungen kann ein Mensch im Prinzip nicht unterhalten, wobei mit sozialer Beziehung gemeint ist: Er kennt die Namen und die Beziehungen dieser Menschen untereinander. Wenn es mehr Menschen werden – warum auch immer – macht unser Gehirn nicht mehr mit.

Was sagt das eigentlich über Menschen aus, die über 1.000 Facebook-Freunde haben?

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