Ich habe verstanden : Der Facebook-Kalle ist ein anderer

Matthias Kalle gehört zur Mehrheit, denn 60 Millionen Deutsche sind kein Facebook-Mitglied. Einen "Matthias Kalle" gibt es trotzdem.

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Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.
Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.Foto: promo

Sicher bin ich mir nicht, aber ich erwähnte an dieser Stelle sicherlich schon einmal, dass ich natürlich überhaupt nichts gegen Facebook habe. Ich bin kein Gegner dieses sozialen Netzwerkes, auf keinen Fall bin ich ein Feind – ja, eigentlich bin ich nicht einmal ein Facebook-Kritiker, selbst dafür reicht es bei mir nicht.

Und dann lese ich, das in Deutschland bereits 20 Millionen Menschen bei Facebook angemeldet sind – und diesen Dienst scheinbar auch nutzen, denn bei der Erhebung dieser Zahl wurde darauf geachtet, dass nur Menschen auftauchen, die sich mindestens einmal im Monat auch tatsächlich bei Facebook anmelden. 20 Millionen. Zu denen ich nicht gehöre. Immerhin gehöre ich zur Mehrheit, endlich mal. Ich bin einer von 60 Millionen Deutschen, die kein Facebook-Profil haben, obwohl es, so habe ich gehört, einen Facebook-Nutzer gibt, der "Matthias Kalle" heißt. Dummerweise soll der auch eine Brille tragen und an und für sich ein attraktiver Typ sein. So kam es bereits zu einer Verwechslung, als eine Bekannte von mir einmal von dem Facebook-Matthias-Kalle eine Freundschaftsanfrage bekam, die wohl nicht so formuliert war, wie ich, wenn ich es denn überhaupt tun würde, eine Freundschaftsanfrage formulieren würde. Eine gemeinsame Freundin war es dann, die der Bekannten erklärte, dass ich kein Facebook-Profil hätte, logischerweise, und dass es sich hier zwingend um einen anderen Mann handeln müsse. Doch seitdem treibt mich ein wenig die Angst: Was stellt der Facebook-Matthias-Kalle sonst noch so an? Wie viele Menschen glauben, es handele sich um den Tagesspiegel-Online-Kolumnisten? Ist meine Einzigartigkeit schlichtweg dahin?

Und so denke ich manchmal, ich müsste auch so einen Facebook-Account haben. Scheint ja ganz einfach zu sein, 14-Jährige bekommen so etwas ja unfallfrei hin. Nicht, dass ich Lust oder Ambitionen, geschweige denn Ideen hätte, da jeden Tag irgendetwas zu "posten" - es ginge mir eher darum, da zu sein, 20 Millionen Deutschen zuzurufen: "Hallo! Hier bin ich!" Um dann auch sofort wieder zu sagen: "Und jetzt geh ich nach Hause."

Es gibt ja diesen Satz des Großkomikers Groucho Marx, er ist ein bisschen überzitiert worden, seit er mal in einem Woody-Allen-Film vorkam, und dieser Satz geht so: "Ich würde nie einem Club beitreten, der Mitglieder wie mich aufnimmt." Der Satz ist ganz lustig, einverstanden. Aber da steckt ja noch mehr drin: Menschenekel, Zivilisationsabscheu, Beziehungsverweigerung, Lebensabkehr. Dinge, die ich in meinen dunkelsten Stunden heimlich befürworte.

Einerseits. Andererseits ist es vielleicht einfacher, kleiner: Menschen in Deutschland haben in der Regel eine Telefonnummer und eine Adresse, wo sie wohnen. Fast alle haben eine Steuer- und eine Sozialversicherungsnummer. Viele – vor allem die Älteren von uns – haben eine Email-Adresse (die Jüngeren, so las ich kürzlich, haben immer seltener eine Email-Adresse, sie kommunizieren im Netz über soziale Netzwerke). Und vielleicht ist der Facebook-Account nur ein weiteres Puzzlestück in den Dingen des Lebens eines modernen Menschen – so wichtig oder unwichtig wie die Rabattkarte einer Kaffeekette oder der Mitgliedsausweis eines Fitnessstudios.

Als der Film "The Social Network" ins Kino kam – jener Film von David Fincher über den Aufstieg von Facebook und Mark Zuckerberg - , hatte ich keine Lust, mir den anzusehen. Ich habe nicht verstanden, worum es in dem Film gehen soll, welche Geschichte mir da erzählt wird, die ich nicht schon kennen würde. Meine Lust erreichte an Nullpunkt, als die, die ihn dann im Kino gesehen hatten, von nichts anderem mehr sprachen, als von diesem Film. Ich bin dann auch ins Kino gegangen. Und habe mir "Black Swan" angeschaut. Übers Ballett wusste ich immer zu wenig.

Und dann habe ich mir "The Social Network" zu Hause auf DVD angeschaut. Und wenn man ganz viel überm Strich wegstreicht, dann bleibt unterm Strich eine Liebesgeschichte übrig, boy meets girl, eine traurige Geschichte.

Als der Film zu Ende war, setzte ich mich an den Computer und öffnete die Seite von Facebook. Ich starrte auf dieses Facebook-Blau und auf das Facebook-F. Ich überlegte mir ein Passwort. Aber dann war ich zu müde, machte den Computer aus und ging ins Bett.

Ich bin übrigens auch kein Gegner des Joggens. Ich habe dazu einfach keine Lust.

Matthias Kalles Buch „Erstmal für immer – wie wir die Liebe neu erfinden“ ist soeben beim Droemer Knaur erschienen.

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