Ich habe verstanden : Der Zivildienst war ein Geschenk

Für mich war der Zivildienst eine Art Geschenk – eines von der Sorte, die man zuerst umtauschen will, bevor man dann doch merkt, dass es nützlich ist. Jungen Männern kann nichts besseres passieren.

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Unser Kolumnist Matthias Kalle.
Unser Kolumnist Matthias Kalle.Foto: Privat

Es heißt ja, dass die Zahl der Teilnehmer an den Ostermärschen nach Jahren des Rückgangs wieder nach oben gegangen sei. Anscheinend hat die etwas langweilige und etwas einfache Meinung „Krieg ist schlecht, Frieden ist gut“ immer noch, oder schon wieder, einen gewissen Reiz für viele Menschen. In diesem Jahr kamen der GAU in einem japanischen Atomkraftwerk hinzu und vor allem die Angst, die dieser Unfall in Deutschland auslöste. Jetzt ist aber die Welt nicht so einfach, wie manche sie gerne hätten, und ich hätte jetzt gerne ein detaillierte Aufschlüsselung über das Alter der Ostermarschteilnehmer: Sind es eher die Jungen oder die Alten, die da vergangenes Wochenende marschierten? Und bin ich eigentlich der einzige, der das Wort „marschieren“ sehr, sehr fragwürdig findet?

Ich glaube ja, ohne die Zahlen zu kennen, dass die Jungen eher zu Hause geblieben sind, so wie sie schon bei den Protesten in Stuttgart zu Hause geblieben sind und den Job ihren Großeltern überlassen haben. Die Jungen, so könnte man meinen, sind nicht so doll für den Protest und für den Frieden – allerdings sind sie auch nicht so doll für den Krieg, beziehungsweise: sie sind nicht so doll für Uniformen anziehen, Befehle entgegen nehmen, durch Schlamm robben und den LKW-Führerschein machen. Haben die Jungen offensichtlich auch keine Lust zu. Das ergeben jedenfalls die Zahlen, die das Bundesverteidigungsministerium veröffentlicht hat und die belegen, dass der sogenannte Freiwilligendienst nach der Abschaffung der Wehrpflicht nicht gerade sexy auf junge Menschen wirkt: Von 498.000 jungen Männern, die im März und April angeschrieben wurden, äußerten nach Angaben des Ministeriums nur rund 1800 Interesse. Nicht einmal 0,4 Prozent. Ein Sprecher von Thomas de Maizière lässt sich so zitieren: Die Zahlen zeigten, „dass die Freiwilligen nicht in Massen kommen, aber man trotzdem keine Panik schieben muss.“

Ja, gut, Panik ist vielleicht ein großes Wort, interessanter wäre es doch ohnehin, die Zahlen derer zu erfahren, die sich für den freiwilligen Ersatzdienst gemeldet haben, also zu erfahren, wie viele junge Männer auch ohne Zwang ihren Zivildienst leisten wollen. Ich glaube, je weniger junge Männer dies in Zukunft tun werden, desto größer wird unser Problem werden – ein Problem mit der Mitmenschlichkeit.

Dass junge Menschen nicht Soldaten werden wollen, kann ich verstehen, wollte ich auch nicht, aber ich musste noch etwas anderes machen, deshalb begann ich im im Sommer 1995 meinen Zivildienst, auf der Pflegestation einer Rehaklinik. Zu uns kamen alte Menschen, die zum Beispiel nach einem Sturz eine neue Hüfte bekommen hatten und die das Gehen neu lernen mussten. Ich war 19 Jahre alt und hatte noch nie in meinem Leben gearbeitet, ich hatte nie mit älteren Menschen zu tun gehabt, ich wusste nichts von Krankheit, Schmerzen, Hilflosigkeit, Leid – und auch nichts vom Tod. Während meiner Dienstzeit starben zwei Patienten.

Ich weiß nicht, was die jungen Männer meines Jahrgangs zur gleichen Zeit bei der Bundeswehr gemacht haben. Ich weiß nicht, was sie da gelernt haben, ich weiß nicht, was in ihrem Leben bleibt von dieser Zeit. Für mich war der Zivildienst eine Art Geschenk – eines von der Sorte, die man zuerst umtauschen will, bevor man dann doch merkt, dass das Geschenk nützlich ist. Denn der Zivildienst war zum einen der erste Realitäts-Check für einen etwas verweichlichten Gymnasiasten, zum anderen war er aber vor allem eine Lehre in Sachen Menschlichkeit und Fürsorge.

Und es war, das war mir damals nicht ganz klar, tatsächlich eine Pflicht, ein Dienst. Ich leistete diesen Dienst, einen Dienst an der Gesellschaft, ich trug meinen Teil bei, zum ersten Mal in meinem Leben. Damals lernte ich, wie es ist, gebraucht zu werden, heute glaube ich, dass jungen Männern nichts Besseres passieren kann, als zu lernen, sich um andere zu kümmern, anderen zu helfen – und dabei auch die eigene Hilflosigkeit zu erfahren.

Und vielleicht lernen junge Männer dabei auch noch etwas anderes, etwas, was einige von ihnen entweder vergessen haben oder aber niemals gelernt haben: man fügt einem anderen Menschen keine Schmerzen zu – im Gegenteil: Man hat dafür Sorge zu tragen, dass andere Menschen keine Schmerzen erleiden müssen.

Das hätte noch vor einer Woche ein bisschen sehr simpel, ein bisschen sehr einfach, ein bisschen sehr naiv geklungen. Aber manchmal scheint es fast so, als seien es die schlichtesten Wahrheiten, die vergessen werden.

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