Ich habe verstanden : Die Epochen von Borussia Dortmund

In den letzten Tagen wurde Borussia Dortmund oft mit der Romantik in Verbindung gebracht. Matthias Kalle erinnert daran, was danach folgte: Die Restauration.

Was folgt auf die Romantik bei Borussia Dortmund?
Was folgt auf die Romantik bei Borussia Dortmund?Foto: dpa

Ich habe festgestellt, dass ich mich gar nicht mehr so für Sport interessiere wie das früher einmal war, als ich mich zudem noch sehr für Musik und solche Sachen begeistern konnte. Wo sind all diese Leidenschaften hin? Jedenfalls hätte ich vor ein paar Jahren diesen Text nicht schreiben können, keine Zeit, da hätte ich Biathlon-Weltcup geschaut und Handball-WM, natürlich die Vierschanzentournee (mit der Qualifikation) und ich hätte wahnsinnig schlechte Laune, weil es keine Olympischen Spiele gibt in diesem Jahr.

Was mir geblieben ist, ist der Fußball. Mein Verein ist Borussia Dortmund, das kam halt so, als ich acht, neun, zehn Jahre alt war. Das war, wie es eben sein sollte, kein Entschluss, keine Wahl, es war eine Fügung, vielleicht auch eine Notwendigkeit. Man sucht sich ja keinen Verein, der Verein sucht einen und irgendwann hat Borussia Dortmund mich gefunden. Das war lange bevor sie Mitte der 90er Jahre Deutscher Meister wurde und die Champions League gewann und heute würde ich gerne behaupten, dass das damals irgendwie falsch war, die Mannschaft, das Geld, die Schulden, der Größenwahn. Aber damals hielt ich Andreas Möller für ein Genie und Lars Ricken für ein Talent, und natürlich schämte ich mich nicht, als der ganze Irrsinn offensichtlich wurde, die Schulden größer – aber richtig freuen konnte ich mich über die Meisterschaft 2002 schon nicht mehr, denn auch damals stimmte mit der Mannschaft etwas nicht, ich sage nur: Márcio Amoroso.

In den letzten Tagen wurde Borussia Dortmund oft mit der Romantik in Verbindung gebracht. Das stand am Montag im „Spiegel“ und heute in der „Süddeutschen Zeitung“. „Fußball-Romantik“ ist das Schlagwort der Stunde, plötzlich wimmelt es in Dortmund von „Fußball-Romantikern“, Vorstandschef Hans-Joachim Watzke ist demnach der „Fußball-Oberromantiker“, aber der Vorzeigeromantiker ist natürlich Jürgen Klopp, der Trainer, der der Mannschaft nicht nur diesen furiosen Fußball beigebracht hat, sondern offensichtlich auch ein Romantik-Pro-Seminar abgehalten hat, damit die jungen Spieler wie Mats Hummels, Mario Götze und Nuri Sahin ja nicht auf die Idee kommen, sich gegen die Idee der Romantik zu stellen und beispielsweise zu Bayern München wechseln, jenem Verein, der mit Romantik nichts zu tun hat.

Vielleicht stimmt das alles. Aber wenn das stimmt, dann sollte man in Dortmund allerdings auf das gefasst sein, was der Romantik epochengeschichtlich folgt, nämlich die Epoche der Restauration. Und auch diese muss man unterscheiden, es gab nämlich zwei Strömungen, zum einen den Vormärz, der sich durch hohes politisches Engagement auszeichnete, und das eher besinnliche Biedermeier. Die Gemeinsamkeit dieser Post-Romantik-Epoche bestand darin, dass die Literaten jener Zeit auf die neuen Herausforderungen reagierten, die die Moderne Anfang des 19. Jahrhunderts mit sich brachte: die Einen wollten sich engagieren, sich politisch und sozial einsetzen; die Anderen umtrieb die Angst vor dem Neuen – sie suchten ihr Heil in der Tradition.

Vielleicht sollten das die Verantwortlichen in Dortmund wissen, wenn sie darüber nachdenken, was kommen könnte, nachdem man im Mai Deutscher Meister geworden ist mit dieser romantischen Mannschaft, diesem romantischen Trainer, diesem romantischen Fußball, diesem romantischen Vorstand. Sie sollten es wissen, damit nicht alles wieder so schlimm und grausam und finster wird wie Ende der 90er Jahre, als es in Dortmund die Epoche des Barock gab, dem die Aufklärung folgte, die schließlich in der Romantik mündete.

Heute Abend spielt Dortmund gegen Leverkusen, die ARD überträgt das Ganze live und alle, alle, alle sind sich sicher: wenn Dortmund heute gewinnt, werden sie Meister. Gewinnen sie nicht, werden sie wahrscheinlich auch Meister, aber es könnte spannender werden, jedenfalls ein bisschen. Ich muss heute zu Ikea. Die haben bis 22 Uhr geöffnet. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es vielleicht bis zum Schlusspfiff.

Das wäre übrigens eine gute Überschrift für meine Autobiografie. Der Restauration folgte übrigens der Realismus.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben