Ich habe verstanden : Die Weltmeisterschaft ist schuld

Spielerfrauen, Haargel, Automarken: Die Menschen wollen alles über Fußballer und den Fußball wissen - nur wie einer spielt, interessiert keinen.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Nie werde ich verstehen, wie ich mit 41 Millionen Euro eine halbwegs vernünftige Fußballmannschaft zusammenkaufen kann, nie, nie, nie. So viel Geld hat man – virtuelle – beim Online-Managerspiel des Fachblatts „kicker“ zur Verfügung, um sich ein Team aus den aktuellen Bundesligaspielern zusammenzustellen. Es gibt zwei Manager-Schulen bei diesem Spiel, die eine besagt, man muss sich „breit aufstellen“ und auf jeder Position passabel doppelt besetzt sein, die andere meint, auf die Ersatzbank setzt man nur Gurken, die kaum was kosten, die erste Elf sollte man mit Spitzenpersonal besetzen. Teuerster Spieler, den man kaufen kann, ist Arjen Robben, der kostet 10 Millionen Euro. Auf meiner Bank sitzen nur Gurken, meine erste Elf besteht aus Halbgurken, das Geld ist futsch.

Was man braucht, sind solide Informationen: Wer ist gut drauf? Wer wird spielen? Auf wen kann man setzen? Was man aber bekommt in diesen Tagen kurz vor dem Start der neuen Bundesligasaison, ist Klatsch und Tratsch – das ist nicht gut, aus mehren Gründen.

Ich möchte nicht Spieler für meine Mannschaft kaufen, die die schönste Frau haben – oder mehrere schöne Frauen. Ich will auch nicht die Spieler, die mit den teuersten Autos durch die Gegend fahren – und ich will auf gar keinen Fall Spieler, die entweder die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft tragen wollen oder eine Meinung dazu haben, welcher Spieler die in Zukunft tragen sollte. Ich will Spieler, die „auf dem Platz ihre Leistung abrufen können“.

Ist diese Weltmeisterschaft an allem schuld? Hat sich das ganze Land so sehr in unsere Fußballer und in den Fußball an sich verknallt, dass die Menschen alles über die Fußballer und den Fußball wissen wollen außer, wie einer spielt? In der „Bild“ und in der „Bunten“ ging es in dieser Woche hauptsächlich darum, was der Fußballer Christian Lell über den Fußballer Michael Ballack nicht gesagt – und vielleicht ist das ein wenig unfair, aber ich werde weder Lell noch Ballack für meine Kicker-Mannschaft aufstellen, denn beide gehen mir ein bisschen auf die Nerven. Aber nicht nur die Fachblätter für untenrum versorgen ihre Leser mit allem, was man schon mal überhaupt nicht wissen wollte. Im Sportteil der „Süddeutschen Zeitung“ erfuhr man am Freitag, wie viel Haargel der Torwart Tim Wiese am Mittwoch beim Länderspiel Dänemark gegen Deutschland auf dem Kopf hatte.

Lothar Matthäus (kein Trainerjob, Stand Freitag, 13 Uhr 30) benutzt sehr viel Haargel, deshalb sieht er auf dem Kopf auch aus wie ein 13-Jähriger, der noch nicht weiß, was für eine Frisur er im Leben einmal haben möchte. Das darf man schreiben, denn Lothar Matthäus saß Donnerstagabend in der – tja, wie nennt man so was eigentlich? – „Sendung“ von Markus Lanz im ZDF. Warum die Redaktion auch noch drei andere eingeladen hat, war nicht ersichtlich, aber sie hatten wohl die Aufgabe, Matthäus Zuspruch zukommen zu lassen, wie das Großeltern manchmal mit kleinen Kindern machen, wenn die im dunkeln weinen: „Wird schon wieder, bald bist du groß.“

Matthäus wurde, weiß ja leider jeder, in den vergangenen Wochen von seiner vierte Ehefrau betrogen, die beiden haben sich darüber unterhalten, sie wählten allerdings als Vermittler die „Bild“-Zeitung. Matthäus sprach in der Vergangenheit bereits sehr oft und sehr gerne mit „Bild“, denn Matthäus hat oft etwas zu sagen. Sagt jedenfalls oft Matthäus. Bei Lanz saß er dann und schien sich zu wundern, warum man mit ihm über das Scheitern seiner Ehe, über die Liebe und all diese Dinge sprechen wollte – er wollte lieber darüber sprechen, dass er ein Idol sei, einen großen Namen habe, dass die Deutschen undankbar seien, denn sie ahnten ja gar nicht was er, Matthäus, für dieses Land alles getan habe. Groß seien sie nämlich alle, die Weltmeister von 1990, der Größte unter ihnen sei Matthäus, deshalb hätten es auch alle so schwer Trainer zu werden bei Real Madrid, Barcelona, Chelsea oder Manchester.

Das ist natürlich alles grandioser Unfug und vor ein paar Wochen schrieb Henning Sußebach in der „Zeit“ einen wunderbaren Text über die Weltmeister von 1990, über ihr Scheitern im Leben. Es sind tragische Geschichten, und Matthäus ist vielleicht die tragischste Figur, aber wenn er jemals Bundesligatrainer werden würde, dann würde ich nie, nie, nie einen Spieler, der von ihm trainiert wird, für meine Kickermannschaft einkaufen.

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