"Ich habe verstanden" : Durchblick statt Rückblick

Was bringt schon ein Rückblick? Kollektive Erregung, kollektive Wut. Matthias Kalle wendet sich vom kollektiven Erinnern ab und wagt eine individuelle Prognose für das Jahr 2011.

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Ein Blick in die Glaskugel. Was bringt das neue Jahr?
Ein Blick in die Glaskugel. Was bringt das neue Jahr?Foto: dpa

Ein Typ wie ich - das ahnen Sie sicherlich bereits - schaut nur nach vorn, niemals zurück, Sentimentalitäten sind nicht mein Ding, ich bin kein Rückblicker, ich bin ein Durchblicker. Das liegt vielleicht auch daran, dass Worte mit dem Suffix Rück- meist ziemlich negativ besetzt sind:

- Rückschritt
- Rücktritt
- Rückständig
- Rücksichtslos
- Rückversicherer
- Rückenschmerzen,

während Worte mit "Durch" einen durchaus positiven Beigeschmack zulassen (jetzt mal abgesehen vom Durchfall und vom Durchschnitt).

Denn was würde ich denn sehen, wenn ich zurückblicken würde? Ein Jahr der kollektiven Erregung, der kollektiven Schreie, der kollektiven Wut! Von jetzt nach früher nämlich darüber: Winter, Bahn, S-Bahn, Stuttgart 21, Thilo Sarrazin, Thilo Sarrazins Kritiker, die Regierung, Sommer, - nee, das war bzw. ist mir alles dann doch zu aufregend. Vor allem frage ich mich als Durchblicker dann doch, welchen Stellenwert das Jahr 2010 in unserem kollektiven Gedächtnis einmal einnehmen wird, also in der Zukunft, denn ich schaue ja nach vorn.

Das Wort "Wutbürger" wird ja nun leider, leider in das kollektive Gedächtnis eingespeist als Wort des Jahres - dann sitzt dieses Wort im kollektiven Gedächtnis fest, so wie Sommermärchen und Führerbunker. Der Wortschatz unseres kollektiven Gedächtnis ist irgendwie nicht richtig sexy, aber es können ja nicht alle Menschen Franzosen sein.

Der Begriff "kollektives Gedächtnis" bezeichnet gemeinhin ja eine gemeinsame Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen, zum Beispiel also: von den Deutschen. So wie jedes Individuum (der oder die Deutsche) hoffentlich zu einem individuellen Gedächtnis fähig ist (bei manchen Deutschen versagt diese Leistung leider komplett - das kollektive Gedächtnis erinnert sich an Helmut Kohls "Blackout" im Jahr 1983, den Begriff übrigens erfand damals Heiner Geißler, daran erinnern sich ja nach seiner Schlichterleistung nur noch wenige), wird einer Gruppe von Menschen eine gemeinsame Gedächtnisleistung unterstellt. Das habe den Vorteil, dass diese Leistung dann die Basis für gruppenspezifisches Verhalten zwischen ihren Angehörigen bilden könne, da es dem Einzelnen ermöglicht, Gemeinsamkeiten vorzustellen. Wie viele Menschen diese Vorstellung allerdings in die Einsamkeit getrieben hat, mag man nicht genau beziffern.

Vielleicht aber sollte man anstatt jetzt über das kollektive Gedächtnis nachzudenken lieber eine individuelle Prognose wagen: Guttenberg wird Kanzler einer schwarz-grünen Bundesregierung; die ARD entdeckt talkshowfreie Sendeplätze in ihrem Programm und engagiert ganz schnell Markus Lanz und Johannes B. Kerner, um diese Lücke zu füllen; Bayern München wird Deutscher Meister; Stuttgart bekommt den neuen Flughafen von Berlin und gibt Berlin im Gegenzug den Bahnhof, den die nicht wollen; Johannes Heesters feiert Geburtstag; Florian Henckel zu Donnersmarck dreht "Harry Potter und der Avatar"; Tommy Jaud schreibt ein Buch; Apple kündigt ein neues Produkt speziell für Berlin an: die iBahn; Silvester feiern 500.000 Menschen am Brandenburger Tor und jubeln über die Auftritte von Michael Wendler, Vanilla Ice und Klaus & Klaus.

2011 könnte ein Jahr zum Vergessen werden.

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