Ich habe verstanden : Ein "Filetstück" in der Kastanienallee

Junge Menschen rennen die Kastanienallee ständig rauf und runter: sie suchen nach Cafés, Restaurants, Läden. Matthias Kalle hat jetzt eine gute Nachricht für diese Verzweifelten, die sogar ihr Bier auf der Straße trinken müssen.

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Cafés, Restaurants, Läden - die Kastanienallee in Prenzlauer Berg.
Cafés, Restaurants, Läden - die Kastanienallee in Prenzlauer Berg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Am Montag findet in München eine Messe statt, eine Immobilienfachmesse, sie heißt "Expo Real", und ich bin keiner von denen, die immer meckern, es würde zu viele englische Wörter in unserem Sprachgebrauch geben, aber was "Expo Real" bedeutet, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, you know?

Jedenfalls ist der Berliner Liegenschaftsfonds von Montag an auch auf der Messe, die Stadt hat nämlich noch ein paar Flächen, die man verkaufen könnte, um darauf etwas zu bauen, denn Berlin kann noch ein paar Baustellen vertragen, so ist es ja nicht. Eine dieser so genannten Brachstellen hat jetzt "Bild" ausfindig gemacht – die Lücke gegenüber dem Prater in der Kastanienallee, Prenzlauer Berg, 3156 Quadratmeter, im Moment ein Parkplatz. "Bild" meint, es handelt sich um ein "wertvolles Filetstück", das in der "Hauptstadt noch zu haben" sei. Und jetzt könnte man natürlich mal darüber nachdenken, ob das Wort "Filetstück" tatsächlich das meint, was man ausdrücken will, wenn man das so hinschreibt, aber wenn es in dieser Kolumne diesmal um Metaphern gehen würde, um Metaphern und ihre Verbrechen an der Sprache, dann bekäme ich nur noch schlechtere Laune, dabei ist meine Laune im Moment noch ganz okay, wie der Engländer sagen würde.

Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

„Bild“ weiß auch, was auf diesem „Filetstück“ in der Kastanienallee hinkommen könnte: "60 neue Wohnungen, Cafés, Restaurants, Läden." Kann man ja nie genug von haben, gerade auf der Kastanienallee gibt es ja einen eklatanten Mangel an Cafés, Restaurants, Läden, deshalb rennen junge Menschen diese Straße ständig rauf und runter: sie suchen nach Cafés, Restaurants, Läden – aber ach! – sie finden ja nichts, deshalb haben die jungen Menschen auch immer eine Bierflasche in der Hand, so verzweifelt sind die, dass die ihre Getränke auf der Straße trinken müssen.

Vor kurzem erzählte mir ein Schriftsteller, der gleich um die Ecke am Zionskirchplatz lebt, das er eines Abends Lust auf ein Bier bekommen habe. Er wollte sich eines kaufen und dann in seiner Wohnung trinken, ganz in Ruhe, das war der Plan. Er ging also zu einem Kiosk, nahm sich eine Flasche Bier, ging an die Kasse um zu bezahlen. "Aufmachen?", fragte der Kioskbesitzer, aber der Schriftsteller verstand nicht. Er fragte nach, wie er denn ein geöffnetes Bier sicher nach Hause kriegen sollte, aber das verstand dann der Kioskbesitzer nicht, denn er hatte wohl noch nie in seinem Leben davon gehört, dass sich Menschen ein Bier kaufen, es ungeöffnet nach Hause tragen, um es dann dot zu trinken – fernab von den Blicken der Mitmenschen. "Ich muss die Biere, die ich verkaufe, immer öffnen. Sofort. Auf der Stelle. Die Kunden erwarten das." Der Schriftsteller war ehrlich entsetzt.

Gestern wollte ich ihn anrufen. Ich wollte ihn fragen, ob er eine Idee hat, was man auf diese Lücke in der Kastanienallee bauen könnte. Ich wollte ihn fragen, was er sich da wünschen würde, schließlich müsse er in der Gegend ja leben. Ich habe ihn nicht erreicht. Vielleicht war er unterwegs, in einem Café, in einem Restaurant, in einem Laden. In Kreuzberg. Oder in Charlottenburg. Da, wo es so etwas schon seit Jahrzehnten gibt. Wo alle Lücken geschlossen sind.

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