Ich habe verstanden : Eine Art Sommertrend

Die Alten sagen den Jungen, was sie alles falsch machen. Diesen Trend hat unser Kolumnist ausgemacht. Nicht immer ist gut, was sie sagen. Und manche Jungen könnten eine Ansage von den Alten gebrauchen.

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Kolumnist Matthias Kalle hat eine Art Sommer-Trend ausgemacht: Dass die Alten den Jungen sagen, was sie alles falsch machen.
Kolumnist Matthias Kalle hat eine Art Sommer-Trend ausgemacht: Dass die Alten den Jungen sagen, was sie alles falsch machen.Foto: promo

Seit Donnerstag läuft mit großer Unterstützung des Qualitätsmediums „Bild“ die deutsche, nun ja: Komödie „What a Man“ in den Kinos. Regie und Hauptrolle übernahm Matthias Schweighöfer, der auch nebenbei seine Seele verkauft, damit sein Film ein Erfolg wird: Selten bot sich ein deutscher Schauspieler so dem Boulevard an; Schweighöfer spricht mit jedem und vor einigen Wochen sagte Schweighöfer irgendeinem Boulevardjournalisten, er würde in Unterhose durchs Brandenburger Tor rennen, wenn „What a Man“ erfolgreich werden würde.

Dabei bewies Schweighöfer einmal, was er kann. Im vergangenen Jahr war das, da spielte er in dem „Tatort“ „Weil sie böse sind“, und sein Spiel war eine Sensation, ein Versprechen, ein großer Fernsehmoment. Und vielleicht wäre es einfach an der Zeit, dass ältere, größere Schauspieler dem jungen Schweighöfer jetzt mal erklären, was Tango ist. Matthias Brandt zum Beispiel. Oder Edgar Selge. Ist ja grad so ein bisschen eine Art Sommer-Trend: Dass die Alten den Jungen sagen, was sie alles falsch machen.

Bereits vor einer Woche schrieb ich an dieser Stelle über den offenen Brief von Alice Schwarzer an Charlotte Roche, in dem es im Prinzip darum ging, dass Roche nichts von dem verstanden habe, was Schwarzer erfunden hat. Am Mittwoch sagte Alt-Kanzler Helmut Kohl ein paar Dinge über die CDU, Deutschland und Europa, er sagte zwar nichts über Jung-Kanzlerin Angela Merkel, aber so genannte politische Beobachter deuten die Worte Kohls als Abrechnung mit seiner Nachfolgerin.

Oliver Kahn, der Helmut Kohl des deutschen Fußballs, warf vor einigen Wochen Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm mangelnde Führungsqualitäten vor. Die beiden sind seine Nachfolger, sie sind die Kapitäne Bayern Münchens und der Nationalmannschaft, aber natürlich können sie dieses Amt nicht im geringsten so ausfüllen wie Kahn das konnte. Meint Kahn.

Aber, ach, es ist eh nicht die Woche des Philipp Lahm. Die Mannschaft, deren Kapitän er ist, kickt sich trostlos in die Champions League, und dann ist da noch dieses Buch. Lahm hat es mit Hilfe eines Journalisten geschrieben. Es erscheint erst am Montag, man darf das Buch nicht besprechen, also nicht schreiben, ob es gut ist oder schlecht, es ist trotzdem bereits auf Platz eins der Bestsellerlisten und „Bild“ druckt Auszüge, man findet sie neben den Jubelarien zu Schweighöfers Film. Das Buch von Lahm ist allerdings besser als Schweighöfers Film.

Lahm erzählt ein paar Geschichten aus dem Leben eines Profifußballers. Er nennt Namen, gibt Einschätzungen, hat zu vielem eine Meinung, und jetzt meldet sich die Bundesliga, genauer gesagt: Menschen, die hoffen, noch eine gewisse Zeit in der Bundesliga bleiben zu dürfen. Felix Magath sagt über Lahm: „So wird man keine Persönlichkeit.“ Klaus Allofs, immer noch Sportchef in Bremen, sagt: „Ich bin schon lange in diesem Geschäft, aber ich habe noch nie den Drang verspürt, ein Buch darüber zu schreiben. Es gibt einfach gewisse Regeln, die man einhalten sollte.“ Manche verspüren einen Drang, manche nicht, die Regel, dass man kein Buch schreiben darf, kennt aber wohl nur Allofs. Fredi Bobic sagt: „Es ist das Schlechteste, was Du als Spieler machen kannst!“ Bobic wird sich daran erinnern, dass es tatsächlich noch viel schlechtere Dinge gibt, die man als Spieler machen kann, zum Beispiel keine Tore schießen. Holger Stanislawski, Trainer von Hoffenheim (Stand Freitagnachmittag), sagt: „Ob man in diesem Alter schon ein Buch schreiben muss, weiß ich nicht. Diese Leute haben in meinen Augen viel zu viel Zeit, sich über andere Menschen Gedanken zu machen. Das ist unfassbar und spricht auch dafür, wie uninteressant das eigene Leben ist und wie interessant das Leben anderer ist.“ Philipp Lahm ist 27. Als die „Buddenbrooks“ erschienen, war Thomas Mann 26, geschrieben hat er das Buch mit Anfang 20, aber wenn Stanislawski das Buch gelesen hätte und nicht die Auszüge in „Bild“, dann wüsste er, dass es darin vor allem um das Leben von Philipp Lahm geht.

Schon irre, worüber sich die Leute so aufregen, während der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, 38, in einem Interview mit dem „Playboy“ sagt: „Hätte Deutschland den ersten Weltkrieg gewonnen, wären Sebastian Koch und Ulrich Tukur genau so große Stars wie George Clooney und Johnny Depp. Das hat mit politischen Zufälligkeiten zu tun.“ Kann mal bitte ganz schnell Alexander Kluge, 79, Donnersmarck zur Schnecke machen?

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