Ich habe verstanden : Geschlechterkampf im sozialen Strafraum

Unser Kolumnist gibt zu, kein "Freund der Frauen" zu sein. Er bekennt sich lieber zum Feminismus.

von
Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.
Tagesspiegel-Online-Kolumnist Matthias Kalle.Foto: promo

Ich glaube, ich bin auch Feminist, irgendwie. Ich glaube auch, dass das eher zufällig so kam, es war keine bewusste Entscheidung, es passierte einfach, so wie man zum Beispiel irgendwann feststellt, dass man sich überhaupt nicht für Wein interessiert. Beim Wein geht es ja eher so los, dass einem Wein nicht schmeckt. Dann trinkt man keinen Wein. Dann fangen plötzlich alle an, über Wein zu reden, richtige Kenner gibt da auf einmal, es geht dann längst nicht mehr um Wein, sondern um einen Lebensstil, eine Lebenskultur. Und dann trinkt man heimlich einen kleinen Schluck, weil man ja auch Lebensstil, Lebenskultur haben will – und es schmeckt einem immer noch nicht. Man beginnt dann, das zu verheimlichen. Dass man keinen Wein mag. Man spricht da einfach nicht drüber. Man würde sonst ins soziale Abseits geraten.

Ob sich Dominique Strauss-Kahn gerade im sozialen Abseits befindet – oder eher in einer Art sozialen Strafraum, kann ich ganz schlecht sagen. Ich bin mir aber sicher, dass er kein Feminist ist – eine Ahnung konnte man ja schon seit Mai haben, seit dieser Geschichte mit dem Zimmermädchen in New York und all den Gerüchten und Geschichten, die es dann über Strauss-Kahn so gab und die viele, vor allem Männer, so daher erzählten, als sei dieser Umgang gegenüber Frauen normal, oder zumindest an der Grenzen des erlaubten. Ich dachte dann immer, dass diese Männer komplett bescheuert sind.

Dachte ich auch gestern wieder, als ich im ZDF die Talkrunde „Maybrit Illner“ sah. Da ging es, ich weiß nicht wie oft in diesem Jahr, irgendwie um Sex und um Macht und um Männer, und jetzt haben es die Talkshows sogar geschafft, dass sie sogar Gäste mehrmals einladen, die keiner kennt – eine amerikanische Journalisten war wieder da, die können sie noch hundertmal einladen – die wird auch danach keiner kennen, so langweilig ist die. Peter Scholl-Latour war auch da. Der ist jetzt nicht direkt langweilig, weil allein schon die Frage so spannend ist, ob man etwas von dem, was er sagt, akustisch verstehen wird. Es ging dann also in der Sendung hauptsächlich um Dominique Strauss-Kahn und irgendwann sagte Scholl-Latour über ihn ungefähr dies: „Grummelgrummel... Freund der Frauen... Grummelgrummel.“ Das in der Mitte meinte er wohl ernst.

Ein Freund der Frauen. Vor allem ältere Männer benutzen solche und ähnliche Formulierungen, wenn es um Strauss-Kahn geht. Er Mann, ach ja, der die Frauen halt mag. Und die älteren Männer sagten es nicht und sie schrieben es auch nicht, aber immer schwang so etwas mit wie: ein Klaps auf den Hintern, ein tiefer Blick ins Dekolleté,  ein schlüpfriger Spruch – all diese Dinge haben noch keinem geschadet, keinem Mann, keiner Frau, aber manchmal haben sie Wunder gewirkt.

Abgesehen davon, dass all diese Dinge kein Straftat sind – sie sind auch nicht sonderlich originell, sondern eher ein bisschen doof - , ist die Haltung dieser Männer das eigentlich Verbrechen. Ihre Haltung besagt, man sei ein Freund der Frauen – ja man möge die Frauen – wenn man sie begehrt. Oder sind diese Männer auch die Freunde von dicken, alten, hässlichen Frauen? Kann es nicht eher sein, dass diese Männer, alte Männer, die Feinde der Frauen sind?

Wenn man sich das, was diese Männer, so sagen und schreiben eine Weile anhört, dann will man Alice Schwarzer wieder das vergangene Jahr verzeihen. Dann möchte man, dass sich Peter Scholl-Latour nicht mit Ines Pohl, der derzeitigen „taz“-Chefredakteurin bei „Maybrit Illner“ unterhalten muss, sondern mit deren Vorgängerin Basha Mika. Dann will man wieder klare Fronten im Geschlechterkampf.

Oder, noch besser, man will seine Ruhe, weil dieser Kampf ein alter Kampf ist, eigentlich lange vorbei. Eigentlich kein Geschlechter – sondern ein Generationenkampf. Der Feminismus der Jüngeren ist anders. Leichter. Vielleicht besser. Man kann es noch nicht sagen. Aber die Frauen meiner Generation haben aus mir den Feministen gemacht, der ich jetzt bin. Selbstbewusste, kluge, emanzipierte Frauen übrigens. Die „Germany’s Next Topmodel“ im Fernsehen schauen. Die „Gala“, „Bunte“ und „Grazia“ lesen. Für die „sexy“ ein Wert an sich ist. Die wissen, was sie wollen – und die vor allem wissen, was sie nicht wollen. Und die so schlau sind, es den Männern nicht zu verraten.

Mit diesen Frauen kann man alt werden. Und hoffen, dann keine männliche Witzfigur zu werden, die die Frauen anschmachtet. Und dabei Wein trinkt. So einen guten roten.

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