Ich habe verstanden : Männer und Mode, kompliziert

Matthias Kalle wundert sich über Anzüge, die wie Nassrasierer heißen und vor Handystrahlung schützen. Über Alice Schwarzer und ihr Liebesleben wundert er sich dagegen nicht.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Die interessanteste Nachricht im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ von dieser Woche war natürlich nicht, dass Alice Schwarzer seit Jahren mit einer Frau zusammen ist. Das, mit Verlaub, wusste man – und wer es nicht wusste, der ahnte das, da müssen die beim „Spiegel“ jetzt gar nicht so tun, als ob sie sich heroisch durch die gerade erschienene Schwarzer-Biografie gequält hätten, um dann diese Stelle rauszufischen und sie Schwarzer im Interview um die Ohren zu knallen. Überhaupt kam Schwarzer in diesem Gespräch wahnsinnig gut weg: souverän, sympathisch – allerdings auch das ist nicht die Nachricht, die mich fassungslos zurück ließ. Wusste ich auch schon. Trotz dieser Kachelmanngeschichte.

Nee, die unglaubliche Nachricht war in einer Anzeige versteckt, eine Anzeige des Männermodenherstellers Digel. Kannte ich bis dahin gar nicht. Jedenfalls erfuhr ich durch diese Anzeige, dass die Firma Digel einen Anzug herstellt, der einen Namen hat. Der Anzug heißt „Protect 3“, so ähnlich heißen ja Nassrasierer, kennt man als Mann. Die Firma Digel, deren Slogan anscheinend ist „the menswear concept“, sagt über den „Protect 3“: „Nirgends sieht Technologie so gut aus wie bei uns.“ Es geht übrigens immer noch um einen Anzug, also um Blazer oben, Hose unten, aber der „Protect 3“ ist mehr als Blazer oben, Hose unten, er ist: Flecken- und wasserabweisend, knitterresistent und er bietet Schutz vor Handystrahlung. Im übrigen ist dem Bild zu entnehmen, dass es sich um einen grauen, eher eng geschnittenen Anzug handelt.

Welcher Mann braucht einen Anzug, der Flecken- und Wasserabweisend und knitterresistent ist und zudem noch Schutz vor Handystrahlung bietet? Ist das die Arbeitskleidung für Mitarbeiter von Mobilfunkanbietern bei riskanten Außeneinsätzen? Welcher Mann kauft sich einen Anzug mit den Worten: „Haben Sie auch einen, der Schutz vor Handystrahlung bietet? Schnitt und Farbe egal!“

Ich persönlich trage gerne Anzüge, und ich befolge eine alte Regel: Wenn ein Mann nur einen Anzug hat, sollte er blau sein. Wenn ein Mann fünf Anzüge hat, sollten zwei blau sein. Damit bin ich im Laufe meiner Anzugträgerbiografie ganz gut gefahren. Wenn ich mal auf meinen Anzug kleckere, dann bringe ich ihn in die Reinigung, die kriegen das meist wieder weg. Wenn der Anzug zerknittert ist, dann war ich zu bescheuert den ordentlich in den Koffer zu packen. Und für einen umfangreichen Schutz vor Handystrahlung ist es nach 13 Jahren jetzt wohl auch zu spät, da kann mich dann auch ein Anzug nicht mehr retten.

Aber wahrscheinlich hat sich die Firma Digel etwas gedacht, als sie den „Protect 3“ erfunden hat. Der Firmensitz liegt übrigens in Nagold, das liegt im Landkreis Calw, Hermann Hesse kommt da ja her, aber das nur am Rande. In Nagold jedenfalls bietet die Firma Digel auch einen Fabrikverkauf an, und wenn sich das jetzt alles ein wenig provinziell anhört, der sollte sich mal die Firmenhistorie im Internet durchlesen und sich dann wundern, dass er zwar Boss und Dior und Armani kennt – aber von Digel noch nie gehört hat, dabei wurde die Firma bereits 1939 gegründet und nach über 70 Jahren kann Digel von sich selbst behaupten, dass man sich zu einem „international erfolgreichen Modeunternehmen entwickelt“ hat.

Ach, Männer und Mode, das ist ja so kompliziert. Während der modische Mann natürlich ein Würstchen ist, ist der Mann, der sich für die Mode interessiert, selber interessant – vor allem, weil er den Unterschied kennt.

Alice Schwarzer war übrigens immer schon sehr gut angezogen. Steht auch im „Spiegel“.

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