Ich habe verstanden : Matthias Kalle über feige Berliner und Literaturtalente

Sind Steuersünder, die sich selbst anzeigen, feige oder mutig? Muss eine 17-jährige Autorin Mut aufbringen, wenn sie zu Harald Schmidt geht?

von
Matthias Kalle

Ist der Berliner am Ende eine feige Sau? Bis Freitagmittag gingen bei der Senatsfinanzverwaltung 112 Selbstanzeigen von Berliner Steuerbetrügern ein, und man kann davon ausgehen, dass die sich nicht selbst angezeigt haben, weil sie plötzlich erkannt haben, dass sie Schaden angerichtet haben. Man kann davon ausgehen, dass sie sich selbst angezeigt haben, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Auf Tagesspiegel-Online wurde gerade eine Sprecherin der Senatsverwaltung zitiert, sie sagte: „Wir freuen uns über die Spontanität der Berliner und warten mal ab, ob es noch mehr werden.“ Schön, wenn man sich über so was freuen kann.

Bis vor eine Woche freuten sich ja sehr viele Literaturkritiker über das Buch „Axolotl Roadkill“ der Berliner Autorin Helene Hegemann. Am Wochenende wurde dann bekannt, dass Hegemann sich bei einigen Passagen bei einem anderen Autoren, nun ja, bedient hat, und seit dem haben die Literaturkritiker keine Zeit mehr, um sich zu freuen. Sie schreiben jetzt Texte darüber, ob man das darf oder nicht und ob das dem Werk von Hegemann Schaden zufügt oder nicht.

Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich muss es noch lesen, am 18. März moderiere ich eine Lesung von Helene Hegemann während einer Zugfahrt zur Leipziger Buchmesse, bei Interesse bitte in die aktuelle zitty schauen. Für mich persönlich ist das Buch erst nichts, nach allem, was ich darüber weiß, interessiert es mich inhaltlich nicht so sehr, aber das spielt keine Rolle, das Buch ist ein Thema, und als ich Helene Hegemann gestern bei Harald Schmidt in der Sendung gesehen habe, freue ich mich auf das Gespräch mit ihr, obwohl ich keine Ahnung habe, über was ich mit ihr reden soll, unsere Interessen scheinen sehr unterschiedlich zu sein, aber vielleicht wäre Liebe ein gutes Thema.

Oder Mut. Vielleicht könnte ich mit Hegemann über den Mut sprechen, zu Harald Schmidt zu gehen, und über den Mut, den man haben muss, all das zu ertragen, was sie jetzt ertragen muss. Nicht die Vorwürfe. Sondern das Lob. Dieses seltsame Eigenlob der Literaturkritiker, die sich längst von einem Buch und von einer Autorin entfernt haben und nur noch darüber reden und schreiben und schreiben und reden, warum „sie“ etwas gut finden, warum man so schreiben darf, und dass das alles ja nichts an „ihrer“ Einschätzung ändern würde. Mit ihren Statements zur Sache sind sie doch recht schnell, und irgendwie „freue ich mich über die Spontanität und warten mal ab, ob es noch mehr werden.“

So weit das offizielle Statement. Tatsächlich hoffe ich, dass ich all das vergessen kann, wenn ich endlich dazu komme, das Buch zu lesen. Sollte man nämlich vielleicht drauf hinweisen: es gibt wirklich auch ein Buch zur Debatte.

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