Ich habe verstanden : Matthias Kalle versucht, die Ereignisse der Woche zu begreifen

Köhler, Guttenberg, Rösler: Über die "Generation Facebook" in der Politik.

Matthias Kalle

Erinnern Sie sich auch nicht an Kristina Köhler? Die Frau wurde Ende November Bundesfamilienministerin, nach ihrer Ernennung tauchte sie unter, sie wollte sich einarbeiten. Gestern ist Kristina wieder aufgetaucht, sie gab der „Bild“-Zeitung ein Interview, darin die schöne Formulierung: „Deshalb sage ich ganz klar: Keine Lösung ist vom Tisch.“ Sie hätte auch sagen können, dass noch alle Lösungen auf dem Tisch liegen – das Problem ist übrigens, wie das Betreuungsgeld ausgezahlt werden soll, bar oder als Gutschein. Kristina Köhler weiter: „Wir haben bis 2013 Zeit, dieses Problem zu lösen – wir arbeiten lieber gründlich als überhastet.“

Neben dem Interview in der „Bild“-Zeitung hatte Köhler ihren ersten öffentlichen Auftritt als Ministerin im Rahmen der Vorstellung einer aktuellen Unicef-Studie. Beobachter beurteilten den Auftritt Köhlers unterschiedlich, im heutigen „Tagesspiegel“ schreibt Anna Sauerbrey: „Elegant in wartende Limousinen einsteigen kann die Ministerin jedenfalls schon.“ Immerhin. Manch 32-Jährige würde dafür sicherlich die Übung fehlen.

Als sie ernannt wurde, konnte man hier und da lesen, dass nun die „Generation Facebook“ mitregieren würde, dazu zählen neben Kristina Köhler der CSU-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, 38, und der FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler, 37. Nun ist es mir im Prinzip völlig egal, wie alt jemand ist – wenn einer was kann, dann soll er auch was machen dürfen, das Alter sollte eigentlich keine Rolle spielen: „zu jung“ taugt als Kritik ebenso wenig wie „zu alt“. Was aber eine Rolle spielen muss, unabhängig vom Alter, ist die Haltung. Die Haltung zum Leben, zur Politik, zu den Menschen, zu sich selbst.

Und hier beginnt das Problem, das ich mit den so genannten „Generation Facebook“-Politikern habe: Sie sind zwischen 30 und 40 Jahren alt und sollten somit meine Generation repräsentieren – sie haben nur mit mir und mit allen Menschen, die ich kenne, nichts zu tun, nichts gemeinsam. Gemeinsamkeit entsteht ja nicht dadurch, dass man erzählt, man habe seine Frau auf der Love Parade kennen gelernt – so wie es Guttenberg passiert ist. Flirten während eines Techno-Umzuges und danach die Sau raus lassen auf einem AC/DC-Konzert – diese Generation ist entweder sehr verwirrt oder sehr wahllos.

Oder aber sehr heterogen. Von Kristina Köhler heißt es zum Beispiel, sie sei aus Bewunderung für Helmut Kohl in die Junge Union eingetreten – in ihrem Jugendzimmer soll ein Poster des Kanzlers gehangen haben. Politisches Engagement also aus dem Antrieb, dass man mit einer Sache völlig zufrieden ist; nicht, weil man mit den Verhältnissen nicht einverstanden ist. Politisches Engagment als „weiter so“, und nicht als „das muss sich ändern“. Vielleicht war es nur ein Wunsch, aber ich dachte immer, dass meine Generation eher aus dem Antrieb, dass man es so nicht haben wolle, handeln würde – und nicht aus Gründen der Zustimmung.

Am wahrscheinlichsten ist es aber, dass wir mit der Ernennung dieser drei Politiker und deren Einordnung zur „Generation Facebook“ endlich am Ende aller Generationendebatten angelangt sind. Denn so wenig Gemeinsamkeit war selten – im Denken, in der Kleidung, in der Lebensführung. Und das ist gut, es ist jedenfalls besser, als ein kollektiver Jubelschrei aller 30- bis 40-Jährigen, dass es da endlich welche aus ihrer Mitte geschafft haben und die deutsche Politik wesentlich mitgestalten. Beurteilen wir also Köhler, Guttenberg, Rösler nicht nach ihrem Alter, verpassen wir ihnen kein Etikett, versuchen wir sie nicht als etwas zu sehen, was sie nicht sind – sondern beurteilen wir sie nach der Politik, die sie machen.

Wahrscheinlich wird es eh nicht besser. Wahrscheinlich muss ein alter Spruch neu heißen: Trau keinem unter 30! Das aktuelle Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ zeigt auf sechs Seiten junge Menschen zwischen 15 und 24, deren Stilvorbilder offensichtlich Karl-Theordor zu Guttenberg und seine Frau sind. Das Wort adrett passt nicht wirklich, um die Menschen auf diesen Fotos zu beschreiben, die sich gerne „im Adelsschick“ kleiden. Denn es ist nicht so sehr die Kleidung, die sie tragen – es sind die Gesichter. In ihnen fehlt jeder Zweifel, jede Wärme.

Es kann sein, dass es in Zukunft in Deutschland noch kälter wird.

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