Ich habe verstanden : Mobilität führt zu Aggressivität

In Berlin heißen die vier Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Verkehrschaos. Dabei versagt im Verkehr nicht nur die Technik, sondern auch der Mensch. Was im Weg ist, wird aggressiv angegangen - seien es Fahrkartenkontrolleure oder der Gegenverkehr.

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Überforderte Menschen werden aggressiv.
Überforderte Menschen werden aggressiv.Foto: dpa

Mobilität ist ja so ein großes Thema. In der Zukunft, das sagen ja ganz viele, die sich mit Mobilität beschäftigen, werde das Thema noch viel größer. Entscheidend wird wohl sein, dass man die Arten der Mobilität den verändernden Bedingungen anpasst - was ich eigentlich auch ganz vernünftig finde, denn umgekehrt käme wohl ein riesiges Verkehrschaos raus.

Verkehrschaos - das ist ja in Berlin der andere Begriff für Winter, denn im Prinzip heißen die Jahreszeiten in der Hauptstadt: Frühling, Sommer, Herbst, Verkehrschaos. Wenn es kälter wird, wenn es regnet, stürmt und schneit, dann versagen Mensch und Technik gleichermaßen, das kann man hier immer wieder feststellen.

Im Moment gibt es in Berlin angeblich ein Problem mit den Bussen. Eine BVG-Sprecherin sagt: "Momentan haben wir bis zu 100 Beschwerden im Monat. Normalerweise sind es nur 20 bis 30." Viele Busse müssen in die Werkstatt, Achsen werden ausgetauscht, Fenster und Klimaanlage werden repariert, vor allem den Doppeldeckerbussen geht es nicht gut, immerhin ein Viertel der gesamten Flotte. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Pünktlichkeit auf den etwa 150 Buslinien der BVG im vergangenen Monat auf 85 bis 88 Prozent gesunken. "In guten Zeiten schaffen wir 95 Prozent." Sagt die BVG-Sprecherin. Seit dem 1. Juni gibt es ein Computersystem, das Dienstpläne, Fahrzeug- und Personaleinsatz steuern soll, allerdings arbeitet das System nicht einwandfrei. Die BVG-Sprecherin hierzu: "Teilweise hatten wir einen Bus und keinen Fahrer, in anderen Fällen zwei Fahrer für einen Bus."

Zwei Fahrer für einen Bus macht natürlich keinen Sinn - zwei Kontrolleure müssen es aber sein. Tatsächlich scheinen sich die Angriffe auf die Fahrkartenkontrolleure in den vergangenen Wochen vermehrt zu haben, man liest das immer mal wieder. Offensichtlich bedeutet Mobilität auch Aggressivität, der Mensch will weiterkommen, und wenn sich ihm etwas in den Weg stellt, dann muss das weg - im Prinzip kann es nicht mehr lange dauern, bis erste Autofahrer Baustellen eigenhändig verrücken, denn gebaut wird gerade wieder einmal ziemlich viel: Löcher werden gebuddelt, Straßen verengt, Umleitungen werden angeboten. Allerdings, so sagte diese Woche ein Senatssprecher, würden sich Berliner Autofahrer ihre Umwege selber suchen. Aber ich glaube, dass das keine gute Idee ist.

Vor kurzem habe ich ein Interview mit einem Verkehrsforscher gelesen, und eigentlich würde ich mal gerne wissen, was die so forschen und ob sie die Ergebnisse ihrer Forschung dann für sich behalten und sich gemeinsam kaputt darüber lachen, wie sich die Menschen fortbewegen. Jedenfalls sagte dieser Verkehrsforscher, dass Autofahren für über 90 Prozent aller Menschen die anspruchvollste Tätigkeit ist, die sie in ihrem Leben ausführen.

Und das glaube ich wiederum sofort, denn das kann man im Straßenverkehr immer wieder feststellen. Eine anspruchsvolle Tätigkeit überfordert die Menschen oftmals, überforderte Menschen werden aggressiv, und ich glaube, aggressive Autofahrer sind nicht deshalb aggressiv, weil sie alles richtig machen und alle um sie herum alles falsch - sondern weil sie mit der Tätigkeit, die sie gerade machen, nicht klarkommen. Ampeln, Gegenverkehr, Radfahrer, Fußgänger, Baustellen, Kupplung, Blinker, Lenkrad - kein Wunder, dass man oft Menschen am Rande des Wahnsinns hinterm Steuer sieht.
Da sollte man mal drauf achten, wenn man sich vernünftig und zukunftsorientiert in dieser Stadt fortbewegt: zu Fuß.

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