Ich habe verstanden : Nicht fragen - an die Arbeit!

Berlin ist auf dem letzten Platz beim Bildungsmonitor gelandet. Doch statt regelmäßig auf das Versagen der Hälfte der Bundesländer hinzuweisen, sollte vielleicht einfach mal angepackt werden, meint Matthias Kalle.

Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Seit gestern hat Berlin mal wieder einen letzten Platz geschafft, dabei hat die Saison in der Zweiten Bundesliga noch nicht einmal begonnen. Diesmal hat es aber nichts mit Fußball zu tun, sondern, und das ist vielleicht ein bisschen schlimmer, mit der Bildung.
Das sechzehnte Bundesland von – genau! – sechzehn Bundesländern ist Berlin beim so genannten „Bildungsmonitor“ geworden. „Bildungsmonitor“ ist eine Bildungsstudie, ich weiß nicht, die wievielte, aber ich komme ja auch aus Berlin.

Vielleicht wüsste ich es, wenn ich aus Sachsen kommen würde, Sachsen liegt an der Spitze, gefolgt von Thüringen und Baden-Württemberg. Überhaupt Sachsen. Das muss eh längst das tollste Bundesland von allen sein, viel toller bestimmt auch als Bayern, über Bayern liest man ja in letzter Zeit überhaupt keine Spitzenmeldungen mehr, wahrscheinlich werden die auch in dieser Saison nicht deutscher Meister, und wenn in vier Jahren RB Leipzig erstmal in der Bundesliga spielt...

Jedenfalls soll ja Dresden heimlich still und leise Hamburg und München den Rang als die beste deutsche Großstadt längst abgelaufen haben – das Bürgertum, das Dresdener Bürgertum! Dumm, dass wir Berliner alle nicht Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ gelesen haben, dann wüssten wir darüber jetzt Bescheid, und dann wären wir vielleicht auch nicht letzter geworden im „Bildungsmonitor“
Auftraggeber und Initiator des „Bildungsmonitor“ ist übrigens die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, ein Interessenverband, besser gesagt ein Lobbyverband der deutschen Industrie, hauptsächlich aus der Auto- und Metallindustrie, übrigens die Arbeitgeberseite. Nun ist es aber so, dass „Bildung“ für die etwas anderes bedeutet als beispielsweise für Pädagogen oder Eltern – Bildung heißt für die zuallererst mal ein paar Fragen stellen: Wo, um Himmels Willen, bekommen wir nur fähige Arbeitnehmer her? Wo werden die am besten ausgebildet? Von wo werden die kommen, die einmal am besten so funktionieren, wie wir das brauchen?

Ich habe da ein paar andere Fragen. Nebenbei hätte ich mal gerne die Antwort auf die Frage, ob die Bezeichnungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer richtig zugeordnet sind, denn wer gibt die Arbeit eigentlich und wer nimmt sie sich? Gut – das führt vom Thema weg. Andere Frage: Wenn tatsächlich die Wehrpflicht abgeschafft wird – die für mich übrigens immer eine Zivildienstpflicht war -, wer kümmert sich dann in den Altenheimen, auf den Pflegestationen um alte, kranke, hilfsbedürftige Menschen? Und wo lernen arrogante Jungs, die gerade mal so die Schule geschafft haben (wenn sie nicht aus Berlin kommen), eine große Lektion in Sachen Mitgefühl, Solidarität, Verantwortung und Respekt?

Ja, ich schweife ab, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich mich nur ganz schlecht auf eine Sache konzentrieren kann. Also zur Sache: Anstatt dauernd relativ viel Geld für Bildungsstudien auszugeben, damit sich die eine Hälfte der Bundesländer (acht?) auf die Schulter klopfen kann, während die andere Hälfte (acht?) vor Scham in den Boden versinken möchte; anstatt also eher die Missstände aufzuzeigen und Schülern und Lehrern ihr eigenes Versagen vorzuführen – sollte man stattdessen nicht vielleicht einfach mal an die Arbeit gehen? Sollte man nicht also unserer Lehrer aus- und weiterbilden, unsere Schulen sanieren, sich noch mal in den skandinavischen Ländern erklären lassen, warum deren Bildungssystem so gut funktioniert? Sollte man nicht aufhören an der Schulform des Gymnasiums herumzuexperimentieren, weil es sich doch immerhin herausgestellt hat, dass das nun wirklich in allen Bundesländern (sechzehn?) funktioniert?

Das wäre vielleicht ein Anfang, und die Ergebnisse würden reichen, wenn man mit all diesen Überlegungen am Ende ist – keine Zwischenstände, keine Rankings, keine Listen mehr. Sonst ziehen bald alle Berliner Eltern von vierjährigen Kindern nach Dresden – dann werden die im Prenzlauer Berg aber blöd gucken.

Ich bitte übrigens jetzt schon um Entschuldigung, falls in dieser Kolumne noch Rechtschreib- oder Grammatikfehler stecken. Der Mann, der diesen Text redigiert, kommt aus Nordrhein-Westfalen.

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