Ich habe verstanden : Olympia ja, Berlin nein

Olympische Spiele findet Matthias Kalle super. Fußball-Weltmeisterschaften auch. Es gibt nur keinen Grund, dass das alles in Berlin stattfinden muss - bis auf einen.

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Kolumnist Matthias Kalle über das seltsame Spiel der Liebe und CDU-Politiker Christian von Boetticher.
Kolumnist Matthias Kalle über das seltsame Spiel der Liebe und CDU-Politiker Christian von Boetticher.Foto: promo

Übrigens möchte ich auch nicht so gerne, dass die Olympischen Spiele in Berlin stattfinden, ich wollte auch nicht, dass sie in München stattfinden, aber meine Gründe sind andere. Nicht besser, sondern nur anders.

Es ist nämlich so: Ich finde Olympische Spiele ganz toll, so wie ich jedes sportliche Großereignis super finde. Und obwohl ich weiß, dass Fußballweltmeisterschaften, Olympische Spiele und und und mit Geld und Doping und Korruption zu tun haben, sind Geld und Doping und Korruption nicht mein Thema. Um meine Ablehnung für Olympische Spiele in Berlin zu begründen, werde ich jetzt Äpfel mit Birnen vergleichen, grauenhaft biografisch Zusammenhänge herleiten, Objektivität wo es geht vermeiden und jeder Gegenargumentation Tür und Tor öffnen.

Also. Ich will die Olympischen Spiele nicht in meiner Nähe haben, denn ich will da nicht hingehen. Ich will mir die Spiele im Fernsehen anschauen, denn selten ist das Fernsehen besser, als wenn es Sport live überträgt. Ich will Dinge sehen und von ihnen hören, die ich nicht kenne. Diese Haltung muss ich 1984 entwickelt haben, im Februar, als ich acht Jahre alt war und die Olympischen Spiele in Sarajevo stattfanden – meine ersten Spiele. Ich fand das alles unglaublich: Das Maskottchen war so ein Wolf, der hieß Vucko, trug einen roten Schal und rote Ski und rief dauernd „Sarajevouuu!“ wenn man den Fernseher einschaltete – was ich bei meinen ersten Spielen auch sah, war eine erste Ahnung von Schönheit und zwar beim Eistanzturnier, als Jayne Torvill und Christopher Dean einen Jahrhunderttanz tanzen und dafür Noten bekamen, wie nie davor und nie danach. Ich erinnere mich auch, dass ein Deutscher namens Peter Angerer dafür sorgte, dass die Disziplin Biathlon plötzlich spannend war. Ich saß vor dem Fernseher und konnte das alles kaum fassen und ein halbes Jahr später waren dann die Sommerspiele und Los Angeles und bei der Eröffnungsfeier flog ein Raketenmann ins Stadion – aber ich war auch ein Raketenmann, denn ich war in Los Angeles und ein halbes Jahr zuvor in Sarajevo, das fand ich allerhand.

Vier Jahre später dann war ich in Seoul, stelle mir eines Abends den Wecker auf 5 Uhr und sah wie Ben Johnson auf 100 Meter Carl Lewis davon lief. 1992 dann sah ich am Fernseher die schönsten Spiele, die Winterspiele von Lillehammer, und ich dachte, dass ich unbedingt mal nach Norwegen muss. Nach Atlanta wollte ich dann 1996 zwar nicht unbedingt, aber ich weiß noch, wie ich vor dem Fernseher saß bei der Eröffnungsfeier und plötzlich entzündete Muhammad Ali die olympische Flamme und der TV-Kommentator konnte es nicht fassen und schrie und weinte. Und ich erinnere mich an Salt Lake City und Soldier Hollow und daran, dass ich mir immer den Marathonlauf anschaue, weil ich dann das Gefühl habe, ich sei in Peking, Sydney, Athen oder Barcelona, ach, Barcelona, 1992, als das US-Dream-Team der Welt gezeigt hat, wie man Basketball spielt und als Barcelona der Welt gezeigt hat, wie ein Schwimmstadion aussehen kann.

Das sind meine Olympischen Spiele. Sie fanden im Fernsehen statt, ich lernte dabei, wie Fernsehen in seinen besten Momenten sein kann – und ein bisschen lernte ich auch von der Welt, im guten, wie im schlechten. Und deshalb sind Olympische Spiele für mich auch: Wecker stellen, übernächtigt sein, im Atlas nachschauen, wo was ist, sich wundern, ärgern, staunen. Und deshalb habe ich keine Lust, dass die Olympischen Spiele in München oder Berlin oder Hamburg oder Leipzig stattfinden. Und ich weiß, dass das ein bisschen einfach ist, ein bisschen billig, aber es ist ehrlich. Und wer weiß: vielleicht bleiben einem mit so einer Haltung ja auch die Katastrophe und die Kosten erspart, von denen in einer launigen Kolumne nicht die Rede sein muss.

So. Und wenn es nicht in dieser Woche plötzlich diese Olympia-Diskussion gegeben hätte, dann stünde an dieser Stelle ein Text über Frozen Yogurt – das wahre Feindbild aller rechtschaffenden Berliner, die Fahrradfahrer und Autofahrer ebenso gleichermaßen lieben wie Eltern, Kinderlose, Singles, Touristen und den ganzen anderen Rest. Frozen Yogurt ist nämlich ein Ding, dass es niemals geben dürfte – weder Eis, noch Yogurt, sondern irgendwas dazwischen, das angeblich einen niedrigeren Fettgehalt hat als Eis. Das Zeug wurde auch nicht – wie man ja heute annehmen könnte – von irgendwelchen Modeheinis in Mitte erfunden, sondern bereits vor 30 Jahren in Großbritannien.  Da hieß es allerdings noch „Frogurt“ - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Und trotzdem macht im Moment an jeder Ecke so ein Frozen-Yogurt-Laden auf. Und an jeder Ecke, wo so ein Frozen-Yogurt-Laden aufmacht, stehen die Leute als würde es umsonst Louis-Vuitton-Taschen geben. Sie stehen, sitzen, laufen vor dem Laden auf und ab, sie blockieren Bürgersteige, manchmal rennen sie vor lauter Aufregung auf die Straße.

Und ich will es jetzt mal so formulieren: Wenn eine mögliche Olympia-Bewerbung Berlins dazu führt, dass mit einem Schlag alle Frozen-Yogurt-Läden dichtmachen müssen (weil man das ganze Elend den IOC-Funktionären, die sich ein Bild von der Stadt machen wollen, beim besten Willen nicht erklären kann), dann, ja dann unterstütze ich eine Olympia-Bewerbung Berlins ohne wenn und aber.

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