Ich habe verstanden : Rumnörgeln hilft nicht weiter

12.10.2012 14:29 Uhrvon
Matthias Kalle. Foto: Privat
Matthias Kalle. - Foto: Privat

Kaum war der Preisträger bekannt, wurde auch schon viel gemeckert: Mo Yan habe den Literaturnobelpreis nicht verdient, weil er nicht kritisch genug gegenüber der chinesischen Führung war, hieß es. Unser Kolumnist Matthias Kalle hingegen versucht, nur noch konstruktiv zu sein.

Mir ist aufgefallen, das die Leute immer so negativ sind, dauernd haben sie was auszusetzen, nie kann man es ihnen recht machen.

Ich gebe ja zu: So war ich auch mal. Und eigentlich bin ich immer noch so. So destruktiv. Aber das will ich nicht mehr sein, ich nehme mir jetzt vor mit dem Rumnörgeln aufzuhören. Und wo ich gar nicht loben kann, da werde ich in Zukunft versuchen immerhin konstruktiv zu sein.

Den Literaturnobelpreis bekommt also der Chinese Mo Yan. Die Entscheidung des Komitees wird vielerorts kritisiert, auch Ai Weiwei hat sich gemeldet.

Ich habe nie etwas von Mo Yan gelesen, dabei gehört er in China zu den meist gelesenen Schriftstellern und seine Werke sollen von sprachlicher Wucht nur so strotzen. Aber er ist kein Dissident – und offenbar dürfen Chinesen außerhalb Chinas nur Preise bekommen, wenn sie Dissidenten sind, aber Mo Yan bekommt ja jetzt nicht den Friedensnobelpreis, sondern den Literaturnobelpreis, und ich glaube, dass viele Menschen, die wunderbare Bücher schreiben oder geschrieben haben, menschlich ziemliche Arschlöcher sind und waren. Sie merken: Ich versuche etwas Brisanz aus dem Thema zu nehmen, ich versuche konstruktiv zu sein, ich gebe mir Mühe verschiedene Seiten zu sehen und diese auch aufzuzeigen.

Ich habe auch ein paar konstruktive Vorschläge, wem man alles noch den Literaturnobelpreis geben könnte, und ich versuche jetzt mal keinen Originalitätspreis dafür einzufordern, deshalb kommt der Name Maxim Biller nicht vor: Philip Roth, Julian Barnes, Haruki Murakami, Peter Nadas, David Mitchell, Richard Ford. Da ist jetzt keine Frau dabei, und obwohl ich ein Befürworter der Quote bin, lese ich lieber Bücher von Männern – allerdings rede ich lieber mit Frauen.

Die Nobelpreise läuten ja jedes Jahr die Preissaison ein – bis es dann Ende Februar zum Höhepunkt, wenn die Oscars verliehen werden (von denen ja angeblich die Mehrzahl an den Film „Lincoln“ gehen werden, ein paar Oscars verdient hätten aber natürlich auch Bill Murray, Ben Affleck, der Film „The Master“, Michael Haneke und „Liebe“ und Anne Hathaway). Der Deutsche Fernsehpreis wurde ja bereits schon verliehen – da gab es erfreulich viele richtige Entscheidungen („Roche & Böhmermann“, „Joko & Klaas“), ein paar falsche („The Voice of Germany“) und überraschende Nichtberücksichtigungen (der Rostocker „Polizeiruf“), aber – hey! – so schlecht war das doch alles gar nicht.

Vielleicht gibt es auch einfach viel zu wenige Preise – wo es doch so viele Menschen gibt, die einen verdient hätten. Ich würde gerne folgende Preise ausloben: Den Preis für den schönsten Weckton; einen Preis für Krankenschwestern- und pfleger und für Kitaerzieherinnen; einen Preis für nette BVG-Mitarbeiter; außerdem noch Preise für junge Frauen und Männer, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren, für tolle Nachbarn, umsichtige Autofahrer, Radfahrer, die sich an Verkehrsregeln halten, gutgelaunte Bedienungen, höfliche Leserbriefschreiber, für die schönste Baustelle, den ehrlichsten Immobilienmakler.

Und ich mache mir ja schon seit längerem Hoffnungen, endlich Brillenträger des Jahres zu werden.

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