Ich habe verstanden : Sex verkauft sich doch nicht

Eine regelrechte Sex-Woche haben wir hinter uns: Strauss-Kahn, Kachelmann-Plädoyers, Sex-Parties bei der Versicherung und Studenten, die zur Prostitution bereit sind. Dabei ist das Thema ein großes Geheimnis.

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Unser Kolumnist Matthias Kalle.
Unser Kolumnist Matthias Kalle.Foto: Privat

Huch, Sex. Jetzt als Thema, nicht als Beschäftigung. Ist plötzlich wieder da, dabei war das Thema Sex zwischenzeitlich mal weg – und als es weg war, fiel es niemandem auf, was dann auch wieder dafür spricht, dass Sex als Thema völlig überwertet wird. Aber wir haben eine regelrechte Sex-Woche hinter uns: Strauss-Kahn, Kachelmann-Plädoyers, Meldungen über Sex-Parties für verdiente Mitarbeiter, eine Studie über Prostitution unter Berliner Studenten – man kann schon von einer regelrechten Orgie sprechen.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich verrate, dass vor ein paar Jahren die Medien die Schnauze voll von Sex-Themen hatten – in Zeiten, in der jeder Depp mit Blick auf ein „stern“-Cover kenntnisreich sagen konnte: „Tja, Sex sells halt“, wussten wir lässigen Hunde von den Medien bereits, dass das Thema eher langweilt und schraubten die Sex-Themen so weit es ging zurück. Nackte und ihre Geschichten gab es im Privatfernsehen und im Internet, wir fanden es spannender, wenn bei einem Politiker im Keller eine Eisenbahn steht – und nicht ein Folterstudio. Mit Sex konnte man die Menschen nicht mehr provozieren, so wie man ja eigentlich, bis auf die Festivalleiter von Cannes, niemanden mehr mit dem Worten „Hitler“ und „Nazi“ provozieren kann. In diesem Zusammenhang  sollte übrigens unser Mitgefühl dem Sänger Max Raabe gelten, der nun schon zum zweiten Mal sein erst sechs Monate altes Lied „Ich bin nur wegen dir hier“ umdichten muss: Zunächst musste die Textstelle „Zoodirektor mit Knut“ in „Zoodirektor ohne Knut“ geändert werden; jetzt muss sich der Mann etwas einfallen lassen für die Zeile: „Der Präsident, der mich schon länger kennt, auch wegen Grass und Lars von Trier bin ich nicht hier.“

Doch zurück zum Sex. Jetzt als Thema, nicht als Beschäftigung. Am Donnerstagabend hieß das Thema in der Talkshow von Maybritt Illner im ZDF: „Sex, Macht und Öffentlichkeit – im Zweifel für den Angeklagten?“ und es lag dann doch an den Gästen, das es interessant wurde und eben nicht in den Bereich des bigotten, schlüpfrigen und voyeuristischen abgleitete. Dafür war in dieser Woche natürlich die „Bild“-Zeitung zuständig, für die es bereits am Montag Dominique Strauss-Kahn nicht mehr gab, sondern nur noch den „Sex-Banker“ und deren „Reporter“ in einer investigativen Meisterleistung herausgefunden haben, dass das Zimmermädchen eine Wohnung in einem Haus hat, in dem sehr viele HIV-Infizierte leben. Am Freitag meldete das Blatt dann auf einer linken Seite „Sex-Banker frei in New York“ - und es verwunderte kurz, dass die Redaktion keine Reisewarnung für die Gegend aussprach – dafür fand man auf der rechten Seite Kleinanzeigen, in denen unter anderen „Verdorbene Girls 18-35 J. anal, FT, uvm bes. Bln/Umland/LKW 24h“ angeboten wurden.

Aber wie verdorben sind eigentlich die Berliner Studenten? AM Dienstag erschien ein Studie des „Studienkollges zu Berlin“, demnach kann sich jeder dritte Studierende in der Hauptstadt vorstellen, sein Studium durch Prostitution zu finanzieren – dieser Wert sei Höher als der Vergleichswert aus Paris oder Kiew.

In der Studie steht auch, dass in Berlin jeder 27. Studierende sich das nicht nur vorstellen kann, sondern auch tatsächlich macht: 3,7 Prozent aller Studenten sind das. Manche finden diesen Wert sehr hoch, andere sehr niedrig – ähnlich verblüfft die Erkenntnis, dass der Anteil der Männer ähnlich hoch ist wie der der Frauen. Es gibt eine Gemeinsamkeit: 30 Prozent der studierenden Sexarbeiter sind verschuldet, damit lassen sich in Teilen auch die Gründen erklären, die Studenten nennen, wenn sie nach ihrem Job befragt: „Höherer Stundenlohn“ wurde auf häufigsten genannt, darauf folgen „Finanzielle Notsituation“, „Suche nach Abenteuern“ und „Spaß am Sex“.

Auch um welche Studenten es sich handelt, weiß die Studie: Sie sind überwiegend in höheren Semestern und im Durchschnitt knapp 26 Jahre alt, über die Hälfte von ihnen lebt in einer festen Beziehung.

Jetzt weiß man allerdings nicht, wie hoch der Anteil von Studenten war, als es die „100 besten Versicherungsvertreter“ der Hamburg-Mannheimer 2007 in Budapest mal ordentlich krachen ließen: Diese Woche wurde nämlich auch bekannt, dass auf diesem Firmenausflug Prostituierte anwesend waren, und das wohl nicht, weil sie eine Haftpflichtversicherung abschließen wollten.

Versicherungsvertreter, Strauss-Kahn, Studenten, Kachelmann. Bei ihnen allen ging es diese Woche im weitesten Sinne um Sex – aber sexy ist das alles nicht. Nicht die Frage, wann Sex anfängt – und wo er aufhört, scheint hier interessant zu sein, sondern eher: Wo fängt Macht an, wo hört Macht auf? Vielleicht leben wir eben nicht in Zeiten, in denen wir einen unverkrampften Umgang mit diesem Thema haben – so unverkrampft, dass wir es als Thema bereits so langweilig fanden, dass wir davon nichts mehr lesen, nichts mehr hören, nichts mehr sehen wollten. Oder aber vielleicht haben wir ein anderes Thema vergessen, eines, das ein bisschen unsexy ist, trauriger auch. Dabei geht es um die dunkle Romantik, um das Werben und Sehnen und Hoffen, um Begierde, die unerfüllt bleibt, bleiben muss, bleiben soll. Darum, dass Sex eben nicht verfügbar ist, immer und für jeden, der es nur haben will. Darum also, dass Sex ein Geheimnis ist, nicht käuflich, für kein Geld der Welt. Und auch mit Macht nicht zu bekommen ist.

Und der ganze großartige, wunderbare Rest, der geht niemanden etwas an.

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