Ich habe verstanden : Träumen vom Oscar

Matthias Kalle ist in ein großes Elektronikfachgeschäft gegangen, um einen schönen, neuen, flachen Fernseher zu kaufen. Doch nach der Beratung des TV-Spitzenverkäufers überlegt er nun noch einmal.

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Matthias Kalle.
Matthias Kalle.Foto: Privat

Ich habe mal, das ist natürlich schon einige Jahre her, tatsächlich geträumt, ich würde einen Oscar gewinnen. Absurderweise nicht für eine schauspielerische Leistung, auch nicht den Regie-Oscar – in meinem Traum gewann ich den Oscar für das Lied „My Heart Will Go On“ aus dem Film „Titanic“. In meinem Traum habe ich dieses Lied geschrieben. In meinem Traum höre ich meinen Namen, gehe auf die Bühne und danke Celine Dion für ihre Interpretation meines Werkes. Leonardo di Caprio habe ich selbstverständlich auch gedankt.

Am Montag wurde bekannt, welche Filme und Menschen in diesem Jahr für den Oscar nominiert sind und ich habe etwas entsetzt festgestellt, das ich nicht einen dieser Filme gesehen habe. Dabei mag ich Filme. Ich schaue mir gerne welche an. Ich habe es nur einfach nicht geschafft ins Kino zu gehen. Das klingt jetzt vielleicht so, als sei ich ein vielbeschäftigter Mann. Könnte tatsächlich daran liegen. Möglicherweise bin ich aber auch ein wenig faul geworden mit den Jahren – ich habe auch länger nicht mehr geträumt, dass ich einen Preis gewinne.

Ich bin auch in dieser Woche nicht ins Kino gegangen, dafür aber in ein großes Elektronikfachgeschäft, denn ich dachte, ich könnte mir ja mal so einen schönen, neuen, flachen Fernseher kaufen – vielleicht würde ich mir dann wieder mehr Filme anschauen. Vielleicht kehren dann auch die Ruhmesträume zu mir zurück. Weil ich keine Ahnung von Technik habe, recherchierte ich nach guter Journalistenart, welches Gerät ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis hat. Außerdem achtete ich noch ein wenig auf das Design. Auf einschlägigen Internetseiten las ich mir dann Benutzerkommentare durch – langsam ergab sich ein für mich schlüssiges Bild, ich kam dem Fernseher, der zu mir passt, schon recht nahe. Um auch ja keinen Fehler zu machen, kaufte ich mir eine Ausgabe des wie ich finde fantastischen Magazins „Stiftung Warentest“ in dem es um Fernseher ging. Ich war sehr glücklich als ich erfuhr, dass die Tester von Stiftung Warentest zu einem ähnlichen Ergebnis kamen wie ich. Im Prinzip – so mein Gefühl – gibt es auf der Welt eine große Einigkeit darüber, welchen Fernseher man sich zurzeit kaufen sollte. Und dann ging ich in das Elektronikfachgeschäft.

Ein Verkäufer, den ich ansprach, führte mich zu dem TV-Spitzenverkäufer. Der wisse alles, was man über Fernseher überhaupt wissen könne, wurde mir versichert. Ich nannte der Fachkraft den Namen und die Bezeichnung des von mir und sehr vielen Menschen für gut befundenen Fernsehers, aber bereits beim Herstellernamen verzog der Mann das Gesicht, als habe er etwas sehr scharfes, sehr schlechtes, sehr ekliges verschluckt. Dann wog er seinen Oberkörper hin und her und sagte – nicht ohne eine gewisse Dramatik in Stimme und Mimik: „Machen Sie das nicht.“ Entsetzt und fragend schaute ich ihn an – ein Ausdruck, der etwas in ihm auslöste, denn verschwörerisch sagte er zu mir, ich solle ihm mal bitte folgen. Wohin? Wozu? Er führte mich an eine Wand voller Fernseher. Sie waren hässlich, zu groß und auf Preisschilder stand eine Summe, für die Celine Dion wahrscheinlich fünf verschiedene Oscar-Roben kaufen könnte. Der Mann zeigte auf verschiedene Modelle und sagte, wenn ich den oder den oder den kaufen würde, dann hätte ich „was Vernünftiges“, dann könne ich auch mal „mit den Kumpels einen 3D-Nachmittag machen“. Außerdem seien die Geräte „janz schick“. Mindestens eine Aussage war gelogen – die anderen zielten nicht unbedingt auf mein Grundbedürfnis, nämlich einen neuen Fernseher zu kaufen, auf dem ich Filme schauen kann. Aber, so wurde mir mit der Zeit klar, dafür waren die auch nicht gemacht, denn wenn ich den oder den oder den Fernseher kaufen würde, dann solle ich auch gleich bitteschön die oder die oder die Heimkinoanlage kaufen, denn dann hätte ich „ein paar Jahre Ruhe.“

Ich wäre auch ein paar Monate pleite, wenn ich den Kaufempfehlungen der Elektronikmarktfachkraft nachgekommen wäre. Ich verabschiedete mich mit den Worten, dass so ein Kauf ja gut überlegt sein will, und dass ich aber ganz bestimmt wieder kommen würde. Am Abend schaute ich ein wenig fern, ich konnte im Prinzip alles ganz gut erkennen.

In der Nacht träumte ich davon, dass ich Brillenmann des Jahres geworden bin.

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