Ich habe verstanden : Vielleicht ist nur die Hitze Schuld

Die Menschen auf den Berliner Straßen trugen schwarz-rold-goldene Girlanden um den Hals, alberne Kopfbedeckungen und überteuerte Trikots. Doch auch nach der WM ist das ästhetische Dilemma nicht vorbei - denn es ist "Fashion Week".

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"Modische" Fans auf der Berliner Fanmeile. Foto: AFP
"Modische" Fans auf der Berliner Fanmeile.Foto: AFP

Und am Mittwoch habe ich mich dann gefragt, warum die Menschen in Berlin mit einem mal noch schlechter angezogen sind, als ohnehin schon, aber dann fiel mir ein, dass ja gerade „Fashion Week“ ist und ich hatte meine Antwort.

Dabei hatte ich eigentlich gedacht, gehofft, erwartet, dass sich das Stadtbild nach der WM wieder etwas normalisiert, denn ich machte mir vor fünf Wochen noch keine Vorstellung davon, was man alles hässliches mit den Farben schwarz und rot und gold anstellen kann. Und es soll jetzt nicht darum gehen, dass es möglicherweise einen Bruch gibt was den Umgang mit den Nationalfarben angeht, aber tatsächlich bin ich ähnlich verdutzt wie vor vier Jahren, während des so genannten Sommermärchens: Dass ich bei einer Fußballweltmeisterschaft für die deutsche Mannschaft bin ist das eine, aber das liegt an der emotionalen Nähe zu dem Team und – jedenfalls in diesem Jahr – an der Art und Weise des Fußballspiels. Das andere ist das demonstrative zur Schau stellen seiner Anhängerschaft das ich mindestens fragwürdig finde. Aus allerhand Gründen, die zu nennen nicht sinnvoll wäre für eine eher launige Kolumne, kommt für mich das Tragen nationaler Symbolik nicht in Frage. Tatsächlich hielt ich es generell für eine Art von Fortschritt, für die deutsche Mannschaft sein zu können ohne seine Zuneigung durch Äußerlichkeiten unterstreichen zu müssen. In den vergangenen Woche aber sah man die Menschen auf den Straßen mit schwarz-rold-goldenen Girlanden um den Hals, albernen Kopfbedeckungen in den Farben schwarz-rot-gold, überteuerten Trikots mit einem Bundesadler auf der Brust und natürlich Fahnen, überall Fahnen. Und wenn man jetzt mal die Patriotismus-Debatte und die Stolz-Debatte beiseite lässt und sich das ganze Dilemma unter ästhetischen Gesichtspunkten anschaut, dann muss man doch relativ schnell zu der Erkenntnis kommen: nee, sieht einfach nicht aus.

Karneval oder Public Viewing – man konnte durcheinander kommen, und so, wie die Karnevalisten ihre eigene Obsession scheinbar nur mit Alkohol ertragen können, scheint man sich auch ein Fußballspiel in knaller Nachmittagssonne nur mit drei, vier Bier anschauen zu können: will man sich dadurch aber das Spiel oder die eigene Aufmachung schön trinken?

Drogen, genau, Drogen und Mode – da soll es ja Verbindungen geben und wenn es die gibt, dann würde vieles Sinn machen: Männer, die sich im Drogenwahn blöde Hüte auf den Kopf setzen; Frauen, im Wahrnehmungsverluststadium, die zu bunten Leggins greifen; Männer und Frauen, offensichtlich in ihren 30igern, die tatsächlich auf dem Weg zu einer Modenschau sind, dabei aber aussehen, als wären sie die Ehrengäste eines Kindergeburtstags in der Spielecke von McDonalds; Massen, die berufsmäßig „was mit Mode machen“ – aber rumlaufen, als würden sie hobbymäßig die holländische Nationalmannschaft unterstützen.

Vielleicht ist an allem auch nur die Hitze Schuld – und im Herbst, wenn Hertha in der zweiten Bundesliga gegen den Abstieg kämpft, und die Kälte und der Regen Berlin wieder im Griff haben, im Herbst, wenn alle wieder wegen des schlechten Wetters auf den korrekten Sitz ihrer praktischen Kleidung achten – dann haben endlich wieder alle genau so schlechte Laune wie ich.

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