Ich habe verstanden : Von Nachahmungstätern und Trittbrettfahrern

Überall wird kopiert: selbst Straftaten werden abgekupfert, siehe Brandstiftungen in Berlin. Unser Kolumnist wundert sich, wie Menschen darauf kommen, so etwas zu tun.

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Ist Karl-Theodor zu Guttenberg ein Nachahmungstäter oder ein Trittbrettfahrer?, fragt sich Matthias Kalle.
Ist Karl-Theodor zu Guttenberg ein Nachahmungstäter oder ein Trittbrettfahrer?, fragt sich Matthias Kalle.Foto: Promo

Zum Glück lag gestern der neue Manufactum-Katalog im Briefkasten. Es ist, so steht es jedenfalls drauf, die 24. Ausgabe, aber auch in der 24. Ausgabe wird mir mitgeteilt, dass es sie noch gibt, die guten Dinge, und das überrascht mich dann immer wieder. Und tatsächlich: Ein erstes Blättern im neuen Manufactum-Katalog beweist, dass die guten Dinge, die man schon in der 23. Ausgabe nicht haben wollte, auch wieder in der 24. Ausgabe drin sind. Das ist die Art von Beständigkeit, die einem das Leben etwas leichter erscheinen lassen.

Doch dann fiel ein Zettel aus der 24. Ausgabe des Manufactum-Kataloges. Auf dem Zettel stand, dass es die guten Dinge jetzt „auch auf dem iPad“ geben würde, und dass man sich die neuste Version auf der Internetseite von Manufactum herunterladen könne. Die haben also wirklich eine Internetseite, dachte ich in dem Moment und schüttelte mit dem Kopf. Dabei fühlte ich mich sehr, sehr alt.

Am Ende sind die von Manufactum auch nur Nachahmungstäter. Wollen ins Internet, wollen aufs iPad – der Nachahmungstäter war nämlich etwas, mit dem ich mich beschäftigt hatte, bevor ich in der 24. Ausgabe des Manufactum-Kataloges blätterte. Ich stieß im „Tagesspiegel“ auf den Nachahmungstäter, als es im Berlin-Teil um das Paar ging, das in der Ibsenstraße einen BMW anzünden wollte und dabei geschnappt wurde. Angeblich habe die Frau sogar versucht, die Tat mit dem Handy zu filmen, vielleicht machte sie das für die anderen Nachahmungstäter. Damit die sich angucken können, wie das geht.

Die Redakteure des „Tagesspiegel“ sind natürlich viel zu höflich, um es zu schreiben, aber als Kolumnist des „Tagesspiegel“ verstehe ich die Berichte über das Paar so, dass es sich bei den beiden um ziemliche Assis handeln muss. Nix linksradikales, nix kapitalismuskritisches, nix gesellschaftablehnendes – eher so Prollhedonisten die es tatsächlich mal bisschen krachen lassen wollten, aber dafür offensichtlich Anregungen brauchten, weil die eigene Fantasie nicht ausreicht. So gesehen sind ja übrigens auch Paare, die Pornos schauen, Nachahmungstäter. Der Unterschied ist wohl nur, dass bei dieser Art der Nachahmung nichts kaputt gemacht wird.

Der Nachahmungstäter, so viel konnte ich diese Woche ermitteln, darf nicht verwechselt werden mit dem Trittbrettfahrer. Denn während der Nachahmungstäter ja tatsächlich eine Tat begeht (auch wenn er sie nur nachahmt), behauptet der Trittbrettfahrer in der Regel, dass er eine Tat begangen habe, obwohl das gar nicht stimmt. Begrifflich zu klären müsste man jetzt noch, ob Karl-Theodor zu Guttenberg ein Nachahmungstäter oder ein Trittbrettfahrer ist – die öffentlich Aufmerksamkeit, nach der sich sowohl der Trittbrettfahrer als auch der Nachahmungstäter sehnen, hatte Guttenberg allerdings eher unfreiwillig.

Auch ist von Guttenberg kein Bekennerschreiben bekannt, dabei ist das Bekennerschreiben für den Trittbrettfahrer so etwas wie die Eintrittskarte in den Kreis der Gefürchteten. Man weiß von Terrororganisationen, die zwar für wenig Terror, dafür aber für viele Bekennerschreiben verantwortlich sind: geht irgendwo eine Bombe hoch, dann schreien sie „Hier! Wir waren das!“, obwohl das gar nicht stimmt. Seltsame Leute, durch und durch. So weiß man auch davon, dass Menschen gerne Koffer irgendwo in Bahnhöfen abstellen, weil sie wissen, dass dann der Teufel los ist. Welcher Art von Befriedigung diese Menschen erleben, kann man sich allerdings nur schwer vorstellen, in der Regel gilt aber wohl: je höher das Medieninteresse, desto größer die Gefahr von Nachahmern – eventuell hat das Paar, das diese Woche beim Autoanzünden erwischt wurde, über ähnliche Fälle gelesen, gerade in den Boulevardblättern gab es ja kaum ein anderes Thema, aber ich erspare mir jetzt den billigen Gag über geistige Brandstifter. Sonst gibt es womöglich noch Nachahmungstäter.

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