Ich habe verstanden : Wie man mit Menschen umgeht

Leben wir einfach nur in vergesslichen Zeiten? Vielen scheint nicht mehr bewusst zu sein, dass ein vernünftiges Miteinander unter Menschen wichtiger ist als die Aufstellung der Fußball-Nationalmannschaft.

Mattias Kalle
Matthias Kalle

Ich dachte, ich denke mal darüber nach, worüber gerade alle nachdenken, über Fußball nämlich, über die Aufstellung, mit der die deutsche Mannschaft am Sonntag gegen Australien spielen wird, oder über die Schönheit und Brillanz des Spiels der Spanier oder der Holländer. Aber dann wurde ich den Verdacht nicht los, das sich da eigentlich im Moment überhaupt gar keiner Gedanken macht. Die Fußballweltmeisterschaft - so scheint es - lässt die Männer und die Frauen schulterzuckend zurück. Ich kenne welche, die verweigern sich Tippspielen und ich kenne welche, die nicht wissen, wo und wann und ob überhaupt sie die kommenden Spiele schauen werden. Vielleicht haben sie anderes zu tun. Vielleicht machen sie sich aber auch Gedanken über was anderes, nämlich über den Umgang mit Menschen. Vielleicht denken viele gerade: so geht das aber nicht.

Gestern kam die Meldung, der Fernsehmoderator Günther Jauch bekomme jetzt doch endlich seine Sonntagabend Talkshow in der ARD, ab Sommer 2011, und zwar, wie es sich gehört, nach dem "Tatort". Und er muss sich dann nicht mit Anne Will darum prügeln, wer auf dem Stuhl in der Mitte sitzen darf; es wurde beschlossen, dass da nur Jauch sitzt. Anne Will muss ihren Stuhl nehmen und ihn woanders hintragen, wohin genau, das steht aber wohl noch nicht fest. Fest steht nur, dass Anne Will davon bis gestern nichts gewusst hat.

Und nun kann man sagen: die Frau verdient viel Geld, die ist prominent, es gibt für die sicherlich Schlimmeres im Leben, als den einen Arbeitsplatz zu verlieren, wenn man denn sofort einen neuen bekommt. Das stimmt wohl so - und es stimmt doch nicht, denn auch wenn man reich und berühmt ist, verdient man eine anständige Behandlung, aber in diesem Fall wird man den Verdacht nicht los, dass es sich nicht um eine anständige Behandlung handelt.

Könnte Will klagen? So wie "Emmely"? Die Kassiererin, die bei ihrem Arbeitgeber, einem Kaisers-Supermarkt, Pfandbons in Höhe von 1 Euro 33 eingetauscht hat, die nicht ihre waren und daraufhin entlassen wurde, bekam am Donnerstag Recht zugesprochen. Sie hätte nicht entlassen werden dürfen, der Schaden sei zu gering. Ich bin kein Jurist. Ich kenne mich mit solchen Sachen nicht aus, aber ich glaube, man darf einfach niemanden kündigen, der einen Pfandbon in Höhe von 1 Euro 33 findet und ihn einlöst. Ich glaube, so sollte man mit Menschen nicht umgehen.

Ich bin auch kein Politiker, ich kenne mich mit Haushaltsfragen nicht aus, ich weiß nichts über Neuverschuldungen und solche Dinge, aber ich glaube, dass sehr viele Bürger nicht einverstanden sind mit den Sparplänen der Bundesregierung - weil sie denken, so könne man mit Menschen nicht umgehen. Politiker, die die Sparpläne beschlossen haben, sagen jetzt immer, man müssen den Bürgern die Sache erklären. Politiker scheinen immer etwas zu spät zu bemerken, dass man Bürgern eine Sache erklären muss. Bei der Agenda 2010 zum Beispiel, da hatten die das auch vergessen.

Vielleicht leben wir aber auch einfach nur in vergesslichen Zeiten - man hat ja so viel um die Ohren. Warum zum Beispiel Christian Wulff Kandidat für die Bundespräsidentenwahl geworden ist, hat auch niemand so richtig erklärt, weder mir noch Ursula von der Leyen. Ich nehme an, wir beide haben das bis heute nicht so richtig verstanden. Ob von der Leyen jetzt vielleicht am 30. Juni Joachim Gauck wählt? Aus Trotz? Weil sie findet, so könne man mit ihr nicht umgehen?

Als der deutsche Bundestrainer noch Berti Vogts war, da trug er auf einer Pressekonferenz mal ein selbst geschriebenes Gedicht vor. Es geht so:
"Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,
ein bisschen mehr Lieb und weniger Hass
ein bisschen mehr Wahrheit, das wäre doch was"

1998 war das. Deutschland schied im Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft aus. Kurz danach trat er zurück.

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