Meinung : „Ich hoffe, dass beide Seiten …

Harald Maass

… sich auf eine friedliche Zukunft zubewegen können“.

Vor nicht allzu langer Zeit wäre einer wie Lien Chan in China noch als Klassenfeind verhaftet worden. Am Dienstag begann der 68-jährige Vorsitzende der taiwanesischen Kuomintang- Partei (KMT) einen einwöchigen Besuch in der Volksrepublik. Es ist eine historische Reise. Lien ist der erste KMT-Chef, der seit Gründung der Volksrepublik 1949 chinesisches Festland betritt.

Die Reise nach Nanking, Xian und Peking ist höchst symbolisch. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bekämpften sich Nationalchinesen und Kommunisten in einem erbitterten Bürgerkrieg, der nur von gelegentlichen Allianzen gegen Japan unterbrochen wurde. 1949 war das Jahr der Entscheidung: Während Maos siegreiche Kommunisten in Peking die Volksrepublik ausriefen, mussten die von General Chiang Kai-shek angeführten Nationalchinesen auf die Insel Taiwan flüchten. Das Eingreifen der USA verhinderte, dass die Kommunisten auch Taiwan eroberten. Plötzlich hatte die Welt zwei China: Auf Taiwan regierte die KMT als Militärdiktatur die „Republik China“. Der Rest des Landes war kommunistische Volksrepublik.

Mittlerweile ist Taiwan jedoch eine Demokratie, die KMT in der Opposition und der mehrfache Millionär Lien Chan in den Augen Pekings ein Freund. Am Freitag wird der Ex-Vizepräsident von Chinas mächtigstem Mann empfangen, Staats- und Parteichef Hu Jintao. Lien Chan, dessen Eltern ihn während des Kriegs gegen Japan den Vornamen „Kampf“ gaben, wird wie ein Staatschef reisen.

Der Grund für den herzlichen Empfang ist natürlich Politik. Peking umwirbt die KMT, weil sie damit Taiwans Präsident Chen Schui-bian eins auswischen will. In Chen sieht die Volksrepublik einen Separatisten, der Taiwan zu einem formal unabhängigen Staat erklären will. Die KMT steht dagegen für den Status quo, demnach Taiwan ein Teil Chinas ist.

Liens Auftritt in China ist eine politische Gratwanderung. Auf der einen Seite will er sich und die KMT als Garant für eine Aussöhnung mit Peking profilieren. Andererseits darf er in Taiwan auch nicht als Verräter erscheinen. Immerhin hatte Chinas Volkskongress im März ein Gesetz erlassen, dass Pekings Führung das Recht zu einem Militärschlag gegen die Insel zuspricht. Lien Chan erklärte jedenfalls vor seiner Abreise, dass er zu einem „zivilen Besuch“ nach China fahre und sich aus Regierungspolitik heraushalten werde.

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