Meinung : „Ich komme ohne Illusionen nach Bagdad“

Christoph von Marschall

Selbst richtige Entscheidungen trösten nicht, wenn sie zu spät fallen. Hätte George W. Bush bloß früher auf Fachleute wie Ryan Crocker gehört! Irak wäre auch dann keine Musterdemokratie für die arabische Welt geworden, aber dem Land wären viele Fehlentscheidungen und viel Leid erspart geblieben. Vor der Invasion 2003 hatte Crocker, seinerzeit Abteilungsleiter Mittlerer Osten im Außenministerium, seinen damaligen Chef Colin Powell gewarnt, Saddams Sturz könne einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten auslösen. Als Berater der Übergangsverwaltung in Bagdad monierte er später, Amerika tue zu wenig, um die bisherige Elite für den Neuanfang zu gewinnen.

Nun ist Ryan Crocker als US-Botschafter in den Irak zurückgekehrt – „ohne jede Illusion“, wie er bekannte. „Es wird sehr, sehr schwer, aber wenn ich nicht glauben würde, dass Erfolg möglich ist, stünde ich nicht hier.“ Der 57-Jährige ist eine legendäre Figur der US-Diplomatie. Er spricht fließend Arabisch und hat auch Persisch gelernt. 1983 war er in der US-Botschaft in Beirut, als die mit einem Lkw voll Sprengstoff in die Luft gejagt wurde und 63 Menschen starben. Crocker überstand den Anschlag „blutüberströmt, aber nicht ernsthaft verletzt“. Geboren wurde er 1949 im Staat Washington. Der Vater arbeitete bei der US Air Force, so kam Crocker als Kind viel herum, ging in Marokko, der Türkei und Kanada zur Schule, kehrte zum Studium – Englische Literatur – in seinen Heimatstaat zurück.

Die ersten Posten brachten ihn 1972 nach Iran, 1974 nach Katar, 1979 in den Irak: dem Jahr, als Saddam Präsident wurde. Bevor er damals nach Bagdad ging, schickte ihn das Ministerium nach Tunis auf einen 20-monatigen Arabisch- Lehrgang. Kein US-Diplomat hat mehr praktische Erfahrung in der Region: Seit den 90er Jahren war er Botschafter im Libanon, in Kuwait und Syrien, zuletzt in Pakistan. Von dort flog er direkt nach Bagdad, ohne die angebotene Einführungsfeier in Washington. „Typisch Crocker“, sagen Kollegen.

Amerika kann den Irak nicht mehr befrieden, das können jetzt nur noch die Iraker selbst. Bushs Truppenverstärkung gegen die Mordmilizen ist für ihn nicht die Lösung, sondern Hilfe zur Selbsthilfe, um „Zeit zu gewinnen“. Frieden werde es nur geben „wenn die Iraker die Zeit nutzen, um eine politische Verständigung zu erzielen.“ Können Realisten wie er richten, was neokonservative Illusionisten seit 2003 verbockt haben?

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