Meinung : „Ich kümmere mich um den Woschd“

Anselm Waldermann

Eine solche Karriere gibt es wohl nur im Russland Wladimir Putins: 45 Jahre alt, Verwaltungsratschef beim staatlichen Ölkonzern Rosneft und gleichzeitig Vizestabschef im Kreml. Igor Setschin bestimmt, wer in Moskaus Machtzentrum ein- und ausgeht, jedes Gesetz geht über seinen Schreibtisch. Und natürlich bestimmt er, wie die Ölbranche in Russland auszusehen hat. An diesem Mittwoch geht sein Unternehmen Rosneft in London an die Börse. Es ist der größte Börsengang in der Geschichte Russlands.

Begonnen hat Setschin seine Laufbahn zu Sowjetzeiten. Damals war er „Militärübersetzer“ in Angola und Mosambik. In der Regel steckt hinter solchen Begriffen eine Tätigkeit für den Geheimdienst. Wie Putin stammt auch Setschin aus St. Petersburg, dem früheren Leningrad. An der dortigen Universität, wo auch Putin studierte, bekam er 1984 sein Diplom in Französisch und Portugiesisch.

Als er in den 90er Jahren Rosneft übernahm, war das Unternehmen eine unbedeutende kleine Ölfirma. Heute will Setschin mit dem Börsengang 10,4 Milliarden Dollar einnehmen. Und die Anleger sind offenbar bereit, diesen Preis zu zahlen: Die Energiekonzerne BP (Großbritannien), CNPC (China) und Petronas (Malaysia) gaben bereits ihren Einstieg bei Rosneft bekannt.

Das Geheimnis des Erfolgs ist Setschins Nähe zum Kreml. Als der größte russische Ölkonzern Jukos im vergangenen Jahr zerschlagen wurde, riss er sich die wertvollsten Bestandteile des Unternehmens unter den Nagel. Der eigentliche Jukos-Chef, der Milliardär und Kreml-Kritiker Michail Chodorkowskij, landete hingegen im Gefängnis – wegen Steuerhinterziehung. Hilfreich mag dabei gewesen sein, dass Setschins Tochter mit dem Sohn des damaligen Generalstaatsanwalts Wladimir Ustinow verheiratet ist.

Auch die Unterstützung des Präsidenten hatte sich Setschin im Vorfeld gesichert: „Ich kümmere mich um den Woschd“, sagte er in einem Telefonat, das abgehört wurde. Mit „Woschd“ – Führer – ließ sich seinerzeit Stalin ansprechen; heute ist damit Putin gemeint.

Dass Jukos-Anwälte den Börsengang noch stoppen wollen, verwundert da wenig. Selbst deutsche Politiker wie der ehemalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) sprechen offen von Diebstahl. Setschin hingegen lässt sich von seiner Linie nicht abbringen. Selbst nach dem Börsengang wird der russische Staat eine Mehrheit von 85 Prozent an Rosneft halten.

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