Ich lebe jetzt in . . . : … Irland

Antje Joel über Mandys Schlittenhundrudel frühmorgens um sieben.

Antje Joel

Im grüngrünen Herzen Irlands also. In einer grauen Feldsteinscheune mit roter Tür. Vor der Tür Wiesen und Feldsteinmauern und hier und da ein graues Ruinchen. Like in the films. Nach meinen schlaflosen deutschen Wochen und Wochen hier endlich ein Gefühl, ich könnte schlafen für immer. Theoretisch. Praktisch treibt John frühmorgens um sieben seine muhende Kuhherde an meinem Bett vorbei und Mandys Schlittenhundrudel gegenüber heult und kläfft mein Für-immer-und-ewig-schlafen-Gefühl zunichte.

Eigentlich hatte ich in die Stadt gewollt. Diesmal. Nach 20 Jahren Land. Hatte mich von allem, was Land ist, endgültig trennen wollen: Von Hunden, von Kühen, von Pferden. Von dem Volk, das dazu gehörte. Ich dachte: Vorbei! Mal das Leben ganz anders versuchen. Vielleicht war es nicht Deutschland, das mir nicht entsprach, vielleicht war es Land an sich. Vielleicht war ich ein Städter und hatte es nicht gemerkt. Vielleicht war ich nicht in der Lage, nach Hause zu finden, weil ich nicht wusste, in welcher Lebensform ich zu Hause war.

Dann war an jenem Abend, Stunden bevor ich in die irischen Städte zur Häuserbesichtigung aufbrach, noch dieses Angebot in mein Emailpostfach gefallen: „Umgebaute Scheune, fünf Zimmer.“ Dazu ein Name und eine Nummer. Ich dachte: „Nicht wieder so ein alter Schuppen“ und rief an. Eine Stimme um die 60 sagte: „Wenn du deine Zeit verschwenden willst, dir diese Hütte hier anzusehen, bist du willkommen.“ Ich sagte: „Ich habe eine Menge Zeit, die ich nicht verschwenden kann.“ Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag. Erst wollte ich mir die Stadthäuser ansehen. An denen war irgendwas immer falsch. Die Scheune war noch nicht fertig. Innen. Überall Baumaterial, Werkzeuge, Farbe. In mein sprachloses Erschrecken hin sprach die 60-jährige Stimme (zu der ein Kopf grauer Locken gehört und ein vom Guinness gewölbter Bauch): „Sag’ mir ein Datum, und ich bin bis dahin fertig.“ So geschah es. Naja, beinahe. Wir sind in Irland. In Irland geht das Leben einen beruhigten Gang. Ich mag das. Und ich nehme an, das ist es, was mir gefehlt hat: Unaufgeregtheit. Ruhe. Nicht äußerlich. Sondern innen. Wenn man die hat und die (meisten) Menschen um einen herum sie teilen, dann stört es kein bisschen, wenn morgens Johns Kuhherde vorbeimuht und Mandys Schlittenhundrudel seine kanadische Symphonie anstimmt. Dann rollt man sich behaglich in seine Decken und hofft, das Behagen sei von Dauer.

Die Autorin ist vor einer Woche nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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