Ich lebe jetzt in. . . : …Irland

Antje Joel über Pommes auf Irisch und Rorys letzte Party.

Antje Joel

Wir waren auf Rorys Beerdigung, meine Tochter, Mandys Au Pair und ich, und ich habe mich lange nicht so lebendig gefühlt. Ich kannte Rory nicht. Auf seine letzte Party geraten wir zufällig, Samstagabend, als wir im Städtchen unterwegs sind. Rorys Freunde rauchen und trinken und lachen vor dem Pub, in dem sie Beerdigung feiern, und laden uns dazu. Einfach so. Erst in den Pub, später in eine Küche, nebenan. Auch Rorys Freunde kenne ich nicht.

Sandwiches auf dem Tisch. Tee, Guinness, Muffins und Pulverkaffee. Jemand besorgt von irgendwo zwei große Tüten Chips, also: Pommes auf Irisch, dicke Streifen frittierter Kartoffeln, fettig, verklumpt, in braunem Papier. Rorys Tante verteilt sie mit bloßen Fingern. Sie fragt: „Und wer bist du?“ Ich antworte zaghaft: „Wir sind nur zufällig hier hereingeraten …“ „Oh“, ruft sie. „Großartig!“ Sie schüttet Salz auf die Pommesklumpen, die Gesellschaft heult auf, die Tante ruft: „Möchte jemand Chips auf sein Salz?“ Finger greifen Kartoffelklumpen. Es ist früh um drei. Haben mir versalzene Pommes jemals so gut geschmeckt?

Der Gitarrist sitzt auf der Spüle und beginnt ein Lied. Rorys ältere Schwester hängt über der Stuhllehne, dem Gitarristen zu Füßen, die jüngere streichelt ihm den Rücken. Er spielt Rorys Lieblingslied, alle singen. Als sie an die Stelle kommen, wo ihr mit Inbrunst geheultes „Uuu-huuuu“ die Worte ersetzt, ruft einer: „Das war Rorys Lieblingsstelle!“ Rory war 30, als er auf einem Junggesellenabschied ertrank. Sein Lied ist vorbei. Die Schwester auf dem Stuhl schüttelt es. Als sie sich zur Seite dreht, sehe ich, dass sie lacht. Sie fällt dem Gitarrenmann um den Hals. „Thanks a million!“

Wir singen Beatles, Oasis und B.B.King. Laut. Einige tanzen. Als um vier auch die Saiten der zweiten Gitarre reißen, versuchen wir Hereingeratene zu gehen. Don sagt: „Nein! Ihr müsst euch an irische Sitten gewöhnen!“ Er schüttet Tee auf, schenkt Wodka nach. Alle Augen alkoholrot. Killian dreht einen Joint. Mike fragt: „Wie feiert ihr Beerdigungen in Deutschland?“ Ich sage, vom Singen heiser: „Man geht in die Kirche, betet, weint und trägt den Toten zu Grabe.“ – „Und die Party?“ Ich sage: „Es gibt Kaffee und Kuchen.“ Mike brüllt: „Kaffee und Kuchen?!“ Unvorstellbar! Und so traurig. Rorys Beerdigung ist nicht traurig. Sie ist Rorys Party. Seine Freunde haben teil. Don, Mike und Killian sagen: „Wir feiern hier Rorys Leben.“ Und: „Er hätte diese Party geliebt.“ Wer kann das von der eigenen Beerdigung sagen?

Die Autorin ist vor zwei Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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