Ich lebe jetzt in. . . : … Irland

Natürlich regnet es. Intensiv, dauerhaft. In den drei Wochen, die wir jetzt hier sind, hatten wir nicht einen trockenen Tag. Antje Joel über das Wetter.

Oft stürmt es. Ein Großteil der Straßen ist überflutet. Was kann man erwarten, auf einer Insel im Atlantik? Die Iren sagen: „Hoffentlich seid ihr nicht wegen des Wetters hergezogen.“ Zum Teil klingt es heiter, zum Teil besorgt. Das Wetter ist Thema. Eine Klage über, ein Lob auf das Wetter (wenn es zwei Stunden nicht geregnet hat) ist die sicherste, weil irischste Gesprächseröffnung. Sie ist nicht zu verwechseln mit der deutschen Verlegenheitsfloskel: „Schönes/schreckliches Wetter heute.“ Wettergespräche werden mit Leidenschaft geführt. Vergleichbar mit der Diskussion über ein mögliches Leben nach dem Tod. Oder die letzte Steuererhöhung. Vom Wetter aus kommt man überall hin.

Gottseidank bin ich nicht wegen des Wetters hergezogen. Wegen des Wetters zieht man nach Spanien. Was bringt eine dazu nach Irland zu ziehen? Ich beantworte hier die gleichen Fragen wie vor meiner Abreise, in Deutschland. Ich habe so oft ernsthaft darauf geantwortet, jetzt antworte ich nach Lust und Laune. Auf Rorys Beerdigung letzte Woche habe ich gesagt: „Weil wir Deutschen das Land infiltrieren und schließlich besetzen wollen. Ihr wisst ja, wie wir so sind.“ Mike, der links von mir auf der Heizung saß und alt genug ist, den letzten Teil des letzten Krieges erlebt zu haben, war von der Antwort erheitert. Dann leicht besorgt. Alter Pakt gegen die Engländer („Fuckin’ Brits!“) hin oder her. Meine Antwort besorgte ihn maßlos, nachdem er erfragt hatte, dass ich Journalistin bin. Zu Killian, rechts von mir auf der Heizung, sagte er über meinen Kopf hinweg: „Ey Killian, das Mädel ist Journalistin. In Deutschland. Was die heute Abend an Material sammeln kann! Alle da drüben werden lesen, wie verrückt wir sind.“ Und Killian sagte über meinen Kopf hinweg zurück: „Klar, Mike, sie kundschaftet uns aus, unsere Schwächen, du weißt schon. Dass wir eine Rasse von wehrlosen Alkoholikern sind. Jede Woche macht sie Meldung an den Geheimdienst. Und schließlich fallen die Deutschen in Irland ein. Erst nehmen sie Dublin, dann Kildare, Cork, Galway. Magst du Galway, Antje, willst du es haben?“ „Sicher“, sagte ich. „Siehst du, Mike“, sagte Killian, „vergiss Irland, wir sind geliefert.“ Mike lachte. Er sah nicht froh aus. Er fragte, jetzt streng: „Also, warum bist du hier?“ Ich sagte: „Wegen des Wetters.“ Er stieß mir den Ellbogen in die Seite, lachte und rief: „Ich wusste ja gleich, du machst nur Spaß.“

Die Autorin ist vor drei Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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