Ich lebe jetzt in … : … Irland

Die Kinder von Antje Joel machen in der Schule Bekanntschaft mit Nonnen und Marienstatuen

Antje Joel

Seit zwei Wochen gehen die Kinder in die Schule. Die Schulen waren ein Grund, der mich an Irland zweifeln ließen. Sie gehören – mehr oder weniger – der katholischen Kirche. Oft unterrichten Nonnen. Ich habe eine katholische Mutter und wuchs bei einer Oma auf, die auf Wallfahrten ging und Gutenachtgeschichten vom Fegefeuer und den Kindern, die darin landen, erzählte. Davon erholt man sich schwer bis nie. Dennoch ließ ich meine katholisch bedingten Zweifel an Irland fallen. Oder: Ich schrumpfte sie auf ein übersehbares Maß. Es ist doch so: In Spanien ist es sommers zu heiß, Amerika ist gesellschaftlich marode, die Franzosen können die Deutschen nicht leiden – Irland ist katholisch. Etwas ist überall faul. Ich dachte: Ich bin einmal mit dem Katholizismus fertig geworden, das schaffe ich wieder. Und meine Kinder haben keine katholische Mutter. Und die Oma ist weit weg.

In Deutschland stehen am Straßenrand Pommesbuden, in Irland große Marienstatuen. Marienstatuen, etwas kleiner als die am Straßenrand, gibt es auch im Discounter, zwischen Bügelbrettern und 200-Haarklemmen-für-zwei-Euro. Die einfache Discount-Maria kostet 9,99 Euro, die beleuchtbare ein wenig mehr. Ist das Fanatismus? Oder Pragmatismus? Was immer es ist, als meine Teenagertochter all die Marias in ihrer Schule sah, sagte sie: „Hier will ich nicht hin!“ Leider gibt es in Irland keine mariafreie Schule, jedenfalls nicht in unserer Nähe. Den Direktor fragte ich: „Wie religiös ist Ihre Schule? Die vielen Marias besorgen uns.“ Dass er sich anstrengen musste, um nicht zu lachen, beruhigte mich mehr als seine Versicherung: „Sie müssen sich nicht sorgen.“ Ich weiß nicht, warum er lachte. Ich weiß auch nicht, warum er glaubte, ich müsse mir keine Sorgen machen.

Am ersten Nach-Schultag erboste sich meine Tochter über das tägliche Beten. Am zweiten Tag hatte die Nonne im Religionsunterricht nach ihren Sünden gefragt. Bevor sie platzte und ich doch anfangen musste, mich zu sorgen, sagte am dritten Tag mein Zwölfjähriger: „Man soll da in diesen Wassertopf fassen und sich nassspritzen.“ Er lachte. So sehr, dass selbst die Schwester mitlachte. Er sagte: „Das mache ich nicht.“ Ich fragte: „Betest du mit? Oder murmelst du irgendwas?“ Er sagte: „Nee, ich mache nix. Ich guck’ mir das nur an.“ Pragmatismus, ganz klar. Wir werden mit dem Katholizismus schon fertig werden.

Die Autorin ist vor vier Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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