Ich lebe jetzt in … : … Irland

Antje Joel über die frierende Maria in der Schneekugel.

Antje Joel

Mein Lieblings-Religionsrequisit ist Maria in der Schneekugel. Gewandet in ihren dünnen, blauweißen Heiligenkittel steht sie mit traurigem Blick und gefalteten Händen inmitten des Schüttelschneetreibens da, dass ich sie fragen möchte: „Maria, frierst du?“ Aber das wäre natürlich Quatsch. Durch das dicke Kugelglas kann sie mich gar nicht hören. Ich nehme an, Maria betet in ihrer Kugel so intensiv, dass die Leute draußen endlich mit dem Geschüttel aufhören. Jesus in der Schneekugel gibt’s auch. Obwohl er ebenso leicht bekleidet ist wie seine Mutter, tut er mir weniger leid. Wahrscheinlich, weil er nichts gegen seine Situation unternimmt, nur grimmig guckt. Da denke ich: „Dastehen und über das Wetter brummen, kann jeder. Zieh dich halt wärmer an. Oder bete.“

Hier hat jeder eine Maria und/oder einen Jesus daheim. Ein Heiliger im Haus ist Pflicht. Auch für Atheisten. Als Atheist oder Wankelgläubiger allerdings darf man seinen Heiligen draußen aufstellen. So dachte ich. Mein Nachbar Simon nämlich hat seine Maria in eine Art künstliche Grotte in den Garten verbannt. Ich hielt das für eine reife Demonstration seiner Indifferenz gegenüber dem irlandbeherrschenden Katholizismus. Dann sah ich, wie Simon regelmäßig Blumen vor die Maria stellte und rote Grablichtlein. Ich kann’s kaum fassen. Simon ist knappe 30, fährt einen dieser maskulinen Geländepanzer mit Überrollbügel, und wenn etwas in seiner Anbetungsgrotte Simons Glaubensrichtung adäquat reflektieren würde, dann wäre das ein Glas Guinness. Oder eher zehn. Es ist nicht leicht, als Glaubensschwächling im Herzen des Katholizismus seinen Mann zu stehen.

Kayleigh, 15 und gar nicht schwach , wurde von ihrer Lehrerin gefragt: „Wie viele Heiligenstatuen habt ihr daheim?“ Kayleigh sagte entschieden: „Keine. Nicht mal draußen.“ Mein Vermieter schlug in Sorge um ihre Noten die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Himmel! Warum lügst du nicht – wie wir alle!“ Ich denke, das ist der falsche Weg. Ich denke, ich werde Maria in der Schneekugel kaufen und sie gut sichtbar auf dem Kamin platzieren. Dann haben wir eine Heilige, und Maria hat es schön warm. Soll Jesus ruhig böse gucken.

Die Autorin ist vor elf Wochen nach Irland ausgewandert und berichtet hier von ihrem neuen Leben.

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