Ich lebe jetzt in … : … Irland

Antje Joel entdeckt immer mehr kleine Dinge, die das Leben groß machen.

Die Fragen, die sie uns hier am häufigsten stellen, sind: „Gefällt es euch in Irland? Fühlt ihr euch wohl?“ Es fragen die Nachbarn, der Postmann, der Schulleiter, die Eltern der anderen Kinder. Immer klingt es besorgt. Im besten Sinne. Als sei unser Wohlgefühl abhängig von dem, der da gerade fragt. Als sei er für unser Behagen verantwortlich. Und irgendwie ist das auch so. Oder, wie mein Vermieter sagt: „Wenn George ein Arschloch wäre, hätte ich euch nicht einziehen lassen!“ George ist kein Arschloch. George ist ein Nachbar, für den, wenn ich ihn nicht schon hätte, ich glatt bezahlen würde. Neulich kam George auf einen Tee und sagte: „Ich hab’ heute Nacht geträumt, dass ihr zurückgehen wollt.“ Er schaute auf seine Schuhspitzen, schüttelte den Kopf und sagte: „Und ich war schrecklich traurig!“ Es sind so kleine Dinge, die das Leben groß machen.

Wenn ich in die Post komme, zum Beispiel, und es sind schon drei gut gelaunte Damen darin. Alle um die sechzig. Und offenbar habe ich ein prächtiges Postschlangenpalaver verpasst, denn gerade ruft Nummer drei begeistert: „Aber Gayle, sind die Männer ohne Manieren nicht immer die besten?!“ Und bevor Gayle das beantworten kann, kommt eine vierte, sehr alte Dame herein und fragt Nummer drei: „Ah, Mary, schön dich zu sehen, wie geht es dir?“ Und Mary ruft: „Bestens, Brenda! Couldn’t kill a bad thing!“ Darüber muss ich so lachen, dass die mir bis dato unbekannte Mary von Stund’ an bei jedem Über-den-Weg-laufen so heftig winkt, als seien wir jahrelange Bridge-und-Bingo-Freundinnen. Es sind so kleine Dinge. Manchmal kaum zu verstehen.

Mein Vermieter sagt oft: „Du wirst immer irischer!“ Er sagt es, wenn ich wieder mal viel zu spät unterwegs bin. Oder als der zweite Hund bei mir einzog. Ich bin sein geglücktes Experiment. Seine Kollegen und Pubfreunde hatten Unrecht. Es ist möglich! Man kann eine dieser drolligen, Schaffeschaffe-Deutschen nach Komm-ich-heut-nicht-komm-ich- auch-nicht-morgen-Irland verpflanzen, und die Deutsche kann glücklich werden. Mehr noch: Sie wird irisch. Jeden Tag ein bisschen. Und dann fahre ich ihm ins Behagen und sage: „Ich glaube nicht, dass ich irisch werde. Ich glaube, ich war schon immer so. Weder deutsch, noch irisch. Einfach nur ich.“ Aber: Es ist dem Wohlgefühl wahnsinnig förderlich, wenn man in ein Land findet, das dem Ich entspricht.

Die Autorin wanderte vor zwölf Wochen nach Irland aus und berichtete hier davon. Nun endet ihre Kolumne.

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