Meinung : „Ich lebe seit 37 Jahren …

Harald Maass

… glücklich in Nordkorea.“

Was bringt einen dazu, freiwillig in der schlimmsten Diktatur der Welt zu leben? Seit er im Winter 1965 als junger Soldat über die Grenze nach Nordkorea schlich, lebt der US-Amerikaner Charles Robert Jenkins in dem von Hungersnöten zerrütteten Land. Als am Wochenende Japans Premier Junichiro Koizumi nach Pjöngjang kam, hatte Jenkins erstmals die Möglichkeit, Nordkorea zu verlassen. Der 64-Jährige, dessen japanische Ehefrau seit 2002 in Japan lebt, lehnte das Angebot zur Ausreise jedoch ab. Er habe Angst, als Deserteur in die USA ausgeliefert zu werden, sagte Koizumi nach einem Treffen mit Jenkins.

Er war 24 Jahre alt und überzeugter Antikommunist, als Jenkins eines Nachts über die Grenze nach Nordkorea schlich. Obwohl das US-Militär einen Abschiedsbrief vorlegte und ihn zum Deserteur erklärte, blieb sein Motiv unklar. Kurz nach seinem Verschwinden zitierten Nordkoreas Medien eine Erklärung Jenkins’, in denen er sich von den USA distanzierte. Für ein paar Jahre nutzte Pjöngjang den Überläufer für Propagandazwecke. Dann wurde es still um ihn. Jahrzehntelang war unklar, ob Jenkins noch lebte.

Durch Zufall wurde die Welt 1996 wieder auf den Überläufer aufmerksam. Ein Mitarbeiter einer US-Delegation entdeckte Jenkins in einem Cafe in Pjöngjang. Ein Jahr später, bei einem Treffen in New York zwischen nordkoreanischen Regierungsvertretern und einer Schwester Jenkins, wurden erstmals Details aus dessen Leben bekannt: 1980 hatte er in Pjöngjang die Japanerin Hitomi Soga geheiratet, eine von rund einem Dutzend japanischer Geiseln, die in den 70ern und 80ern nach Nordkorea entführt und für die Sprachausbildung von Spionen eingesetzt wurden. Das Paar habe zwei Töchter.

Jenkins wäre wahrscheinlich für immer hinter dem eisernen Vorhang verschwunden, wenn Japans Premier Koizumi 2002 nicht zu einem Gipfel nach Pjöngjang gereist wäre. Damals gestand Nordkoreas Diktator Kim Jong-il erstmals die Entführungen der japanischen Bürger ein. Die fünf noch lebenden Entführungsopfer, darunter auch Jenkins’ Frau, durften für einen Besuch nach Japan reisen. Sie kehrten nicht wieder zurück.

Kurz darauf meldete sich erstmals Jenkins zu Wort: „Ich lebe seit 37 Jahren glücklich in Nordkorea“, sagte er im November 2002 japanischen Journalisten. Als Koizumi am Samstag mit fünf Angehörigen der japanischen Entführten nach Tokio zurückkam, waren Jenkins und die beiden Töchter des Paares nicht dabei.

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