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Ich meine ja nur : Widerspruch ist normal - aber warum werden manche Leute so wütend?

22.10.2011 17:35 Uhrvon
Unser Autor Harald Martenstein.Bild vergrößern
Unser Autor Harald Martenstein. - Foto: ddp

Viele Menschen reagieren sehr aufgeregt auf Meinungen, die sich nicht mit ihrer eigenen Meinung decken. Ich erhalte zu fast jeder Kolumne Briefe, in denen mir die Pest an den Hals gewünscht wird.

Nach meiner Erfahrung reagieren viele Menschen sehr aufgeregt auf Meinungen, die sich mit ihrer eigenen Meinung nicht decken. Ich weiß das, weil ich zu fast jeder Kolumne ein paar Briefe bekomme, in denen mir, auf die eine oder andere Weise, die Pest an den Hals gewünscht wird.

Widerspruch ist normal – aber warum werden manche Leute so wütend? Mich wundert das. Denn ein Artikel, sei er auch noch so dumm oder sein Inhalt noch so verwerflich, ändert ja nicht die Welt. Gar nichts ändert sich, im Normalfall. Es droht keine Gefahr. Dass viele Leute in vielen Punkten anderer Ansicht sind als man selbst, weiß man doch. Es können trotzdem prima Leute sein.

Man kann wahrscheinlich keine zwei Menschen auf der Welt finden, die in allen Fragen des Daseins exakt einer Meinung sind. Warum also die Aufregung?

Der Schweizer Unternehmer und Autor Rolf Dobelli hat die drei typischen Reaktionen auf abweichendes Denken beschrieben: die Ignoranzannahme, die Idiotieannahme und die Bosheitsannahme. Bei der Ignoranzannahme vermuten wir, dass der oder die andere einfach nicht informiert ist. Ihm fehlen wichtige Informationen. Wir müssen ihn nur aufklären, dann wird er sehr bald unsere Meinung teilen. Die Idiotieannahme geht davon aus, dass der andere einfach nur dumm ist, ein Depp. Er kapiert es halt nicht. Die Bosheitsannahme beruht auf der Vermutung, dass der andere wider besseres Wissen die Unwahrheit sagt, vielleicht, weil er seine Interessen schützen will, oder aus anderen finsteren Absichten. Im Grunde weiß der andere genau, dass ich Recht habe, er gibt es nur nicht zu.

Dobelli vermutet die Ursache des Problems in der Tatsache, dass wir nur in uns selbst hineinblicken können, in die anderen aber nicht. Wir schauen also in uns hinein und stellen erfreut fest, dass wir nicht allzu dumm sind, nicht wirklich böse und recht gut informiert über Themen, zu denen wir uns äußern. Nur von uns selbst wissen wir es ganz genau. Folglich müssen wir Recht haben. Unserer eigenen Meinungsfindung vertrauen wir. Bei allen anderen sind wir misstrauisch.

Leider ist es aber so – man leidet wie ein Hund, wenn man daran denkt – , dass andere Leute unvernünftige, schädliche oder kuriose Ansichten haben können, obwohl sie ähnlich intelligent, ähnlich moralisch hochstehend und sogar ähnlich informiert sind wie man selbst. Womöglich hängt es mit ihren Lebenserfahrungen zusammen, mit den verdammten Hormonen oder mit ihrem Umfeld, oder im Gehirn sind die Synapsen anders gelagert. Die denken irgendwie anders. Dass nicht alle genauso denken wie man selbst, bleibt ein Ärgernis, welches nur vom Wetter, von der Endlichkeit des Lebens und von der Deutschen Bahn übertroffen wird.

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