Meinung : Ich-Partei in der Wir-Gesellschaft

Stephan-Andreas Casdorff

Sie will keine rückwärts gewandte Debatte führen, sondern nach vorne blicken, sagt Angela Merkel - verständlich, aus ihrer Sicht. Denn der Blick zurück zeigt schließlich nur: So viel hat die CDU auf Landesebene noch nie und nirgendwo bei einer Wahl verloren. Schlimmer kann es nicht kommen. Und das soll dann allein mit den lokalen Gegebenheiten zu tun haben?

Ihren Anteil an der Niederlage beschreibt die Bundesvorsitzende nicht so gern. Auch verständlich, denn sofort kommt ja wieder der Hinweis, dass die Partei vorher die Wahl hatte: Wolfgang Schäuble oder Frank Steffel zum Kandidaten für die Hauptstadt zu machen. Und die Auswahl, die ins Desaster führte, kann die dann allein der Berliner CDU zugeschrieben werden?

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Steffel hat seinen Anteil an der Niederlage anerkannt. Seine Fehler sind bekannt, und sie werden ihm lange anhängen. Er hat mit Mitleid nicht zu rechnen. Merkel hat diesen Fehler gemacht: Sie war zu Anfang der verkorksten Kampagne nicht für Schäuble, nicht für Steffel. Sie wartete ab, hielt sich lange raus. Sie war wie früher Helmut Kohl: Mal sehen, wo es hinläuft, dann stelle ich mich an die Spitze der Bewegung.

Aber hätte Merkel denn führen können? Hätten sich die Berliner Christdemokraten von ihr einen Kandidaten aufzwingen lassen? Da zeigt sich das Dilemma: Merkels (ohnedies angegriffene) Autorität hätte dafür nicht ausgereicht - wie nicht einmal die von Kohl in seinen späten Jahren. Und der hatte sich die Partei untertan gemacht. Außerdem: Kohl wollte Steffel. Um Schäuble zu verhindern, aber auch, weil er weiß, wie hermetisch die CDU in der Hauptstadt denkt. Immerhin war sie geschlossen für den Jüngeren aus den eigenen Reihen.

Die SPD hat bei der Wahl ordentlich dazugewonnen, die CDU krachend verloren. Das steht nicht in Frage. Aber sind weniger als 30 Prozent für die Sozialdemokraten, die früher, vor Weizsäcker, Berlin immer mit deutlich mehr Prozentpunkten regiert haben, ein Grund zu triumphieren? Die CDU kann an ihrem Tiefpunkt immer noch mehr Prozentpunkte aufweisen als die SPD 1999. Das Ergebnis von 1999 als Maßstab ist außerdem nicht ganz fair, weil die Konservativen damals unverdient durch günstigste Umstände ihren Höhepunkt erreichten. Sie kamen mit 40 Prozent etwa auf die Höhe sozialdemokratischer Ergebnisse von früher.

Die CDU ist entschlossen, ihre Chancen zu nutzen, sie will ihren bundespolitischen Weg weiter gehen, sagt Angela Merkel - und das versteht sich nach dieser Wahl auch irgendwie von selbst. Denn das hermetische Denken ist nicht nur eine Domäne der Berliner CDU. Die ganze Partei denkt so. Es ist gegenwärtig zu vielen wichtiger, in den eigenen Reihen nicht zu verlieren, als gemeinsam Wahlen zu gewinnen. Ich-Partei in der Wir-Gesellschaft. Übersetzt heißt das: Die Vorsitzende wird so schnell nicht ersetzt. Andernfalls müsste ja einer wie Roland Koch bereit sein, der nicht allein wegen Merkel daniederliegenden CDU aufzuhelfen. Sie zu führen und möglicherweise zu irren, kurz: sich auf bundespolitischer Ebene angreifbar zu machen. Das aber ist nicht so angenehm, wie aus der zweiten Reihe die Parteichefin zu kritisieren, weil sie keine Geschlossenheit herstellen kann.

Stellen wir uns dennoch vor, das wäre die Reaktion: Die CDU ist geschlagen, und deshalb soll Koch Chef werden. Wäre das besser? Wer die Mitte gewinnen will, muss in die Mitte rücken. Koch dagegen erinnert eher an Kardinal Joachim Meisner: Stramm konservativ und stark im Glauben; und wer so nicht ist, der muss auch nicht dazugehören. Was bei den Christdemokraten einen Stimmenschwund ähnlich dem Mitgliederschwund bei der katholischen Kirche hervorrufen würde. Da ist es gut, dass Meisner nicht in Berlin wirkt. Und Koch auch nicht. Denn sich rein auf die Stammwähler zu beziehen, kann dazu führen, dass nicht mal mehr diese CDU wählen. Das hat die Partei aus dem Desaster gelernt. Und das ist, bei einem Blick nach vorn, Merkels Chance.

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