Meinung : „Ich stelle keine Heiterkeit …

S. Beikler,M. Meisner

… zur Schau.“

Werner Schulz hat nichts mehr zu verlieren. Er, der letzte Politiker von Bündnis 90 im Bundestag, ist bei den Grünen unten durch. Keinen aussichtsreichen Listenplatz hat die Berliner Landespartei mehr für den Politiker, der einst 1993 Bündnis 90 und die Grünen überhaupt erst zusammenbrachte. Keine Chance mehr für einen der begabtesten Rhetoriker der Fraktion, den manche für einen besseren Redner als Joschka Fischer halten. Rächt er sich jetzt, wenn er mit einer Verfassungsklage gegen die Neuwahlen droht? Will er sich wichtig machen, nachdem ihn Parteifreunde mit Gehässigkeiten überziehen und als „Faulpelz“ offen verspotten?

Der 55-Jährige ist ruhig, bedächtig, trägt den leidenden Blick zur Schau. „Charaktermasken gibt es genug“, das ist seine Parole. Schon vor Jahren wurde Schulz von seinen Parteifreunden, die seine Lamentos über die Lage Ostdeutschlands und der Grünen nicht mehr ertragen wollten, zur „tragischen Figur“ erklärt. Vier Jahre lang – die West-Grünen hatten 1990 die Fünf-Prozent-Hürde verfehlt – hat er im Namen von Bündnis 90 die Sonnenblume im Bonner Bundestag hochgehalten. Danach sah er sich um die Früchte seiner Arbeit gebracht, scheiterte, 1994, 1998, 2002 mit seiner Bewerbung als Fraktionschef – gegen Fischer, Rezzo Schlauch, Katrin Göring-Eckardt. Er schimpfte, dass die Grünen zum „Projekt einer westdeutschen Nachkriegsgeneration“ geworden seien, „die jetzt am Zuge ist, das Ganze zu besetzen und unter sich zu verteilen“. Er selbst wurde abgefunden, zuletzt mit dem Posten des wirtschaftspolitischen Sprechers, aus dem er nichts machte.

Er fand aus dem Schmollwinkel nicht mehr heraus. Einer wie er konnte sich dann allein noch gegen die Parteiführung profilieren. Indem er, zum Beispiel, über Schwarz-Grün redete, während die anderen noch vom rot-grünen Projekt träumten. Mehrheiten für sich organisierte er nie. Schlussakkord: Schulz kritisiert nun, ganz der Moralist, die „Flucht aus der Verantwortung vor dem Wähler“. Und erinnert daran, dass er schon immer gegen Hartz IV gewesen sei. Nur sind es jetzt alle: „Plötzlich gibt es mutige Helden in meiner Partei“, lästert der Ost-Grüne. Es ist seine Rolle, nichts mehr zu machen. „Wenn man sich gegen das Kollektiv verhält, wird man nicht geliebt. Wenn man Recht behält, wird man gehasst“, sagt Schulz. Zur Frage, wie die demokratische Kultur im Lande ramponiert worden ist, will er ein Buch schreiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben