Meinung : „Ich weiß, was du denken wirst“

Gedankenlesen ist möglich – zumindest im Prinzip

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Alexander S. Kekulé Gedankenlesen wäre schon eine feine Sache. Ein Rundgang auf dem Parkett der New Yorker Börse genügte, um über Nacht mit Aktien reich zu werden. Vom Pokern und Schachspielen ganz zu schweigen. Und erst ein Gedankenleser am Rednerpult des Bundestages, am Zeugenstuhl des Untersuchungsausschusses! Aber leider oder zum Glück, je nach Perspektive, geht so etwas ja gar nicht – wirklich nicht?

Eine am Montag veröffentlichte Technik könnte als primitiver Vorläufer künftiger Gedankenlesemaschinen in die Geschichte eingehen, als Buschtrommel der mentalen Kommunikationstechnik. Wissenschaftlern aus Kyoto und von der PrincetonUniversität gelang es, mittels „funktionaler Kernspin-Tomografie“ festzustellen, welche Bilder ihre Versuchspersonen gerade betrachten. Mit dieser Technik, die in ähnlicher Form auch in Kliniken zur Diagnostik eingesetzt wird, kann durch Messung der Durchblutung festgestellt werden, welche Bereiche des Gehirns gerade aktiv sind. Das Aktivitätsmuster lässt Rückschlüsse darauf zu, ob ein Mensch etwa gerade eine mathematische Aufgabe löst oder Musik hört, Angst oder Freude empfindet, aggressiv oder friedlich ist.

Bisher konnte man mit „Scanner“-Verfahren wie der Kernspin- oder der Positronenemissions-Tomografie (PET) jedoch nur relativ große Hirnareale von mehreren Millimetern untersuchen, für konkrete Denkleistungen war das Raster viel zu grob. Die Verarbeitung der vom Auge kommenden Signale etwa geschieht in winzigen Arealen im „primären visuellen Kortex“ (V1), der am hintersten Ende des Gehirns unter dem Hinterhaupt liegt. Aus Tierexperimenten mit eingepflanzten Elektroden ist bekannt, dass beim Betrachten von Linien die V1-Nervenzellen in etwa einen halben Millimeter langen Balkenmustern aktiv werden. Diese Nervenzell-Balken ändern ihre räumliche Orientierung, je nachdem ob das Auge vertikale oder horizontale Linien betrachtet. Durch ein raffiniertes statistisches Verfahren konnte das japanisch-amerikanische Team jetzt die Auflösung der Kernspin-Tomografie so weit erhöhen, dass die winzigen Balkenmuster der V1-Region erkannt werden.

Bisher können die Forscher die Keilschrift des Denkens nur rudimentär entziffern: Sie unterscheiden horizontale von vertikalen Linien, ein Auto von einem Haus. Werden zwei Streifenmuster zugleich vorgeführt, kann der Scanner immerhin feststellen, auf welches der beiden Muster sich der Proband gerade konzentriert. Wenn die Technik weiter fortschreitet, wird sich jedoch bald detailliert ablesen lassen, was ein Mensch gerade sieht, hört und fühlt. Doch der Blick in das Gehirn geht noch viel tiefer. Mittels PET lässt sich jetzt feststellen, ob eine Person ein erhöhtes Erbrisiko für Schizophrenie besitzt – ganz ohne Gentest. Muskelbewegungen können schon vor der Ausführung im Planungsstadium erkannt werden – auch bei Gelähmten.

Sogar das Unterbewusste bleibt den Scannern nicht verborgen: Wenn Probanden ein Streifenmuster nur einige Millisekunden lang sehen und man ihnen vorher und nachher ein ähnliches „Störmuster“ zeigt, können sie die Orientierung der Streifen nicht erkennen. Unterbewusst haben sie das Bild in den Sekundenbruchteilen jedoch genau gesehen: Die Abtastung der V1-Region des Gehirns zeigt jeweils eindeutig, welches Streifenmuster vorgeführt wurde, ohne dass die Probanden es erkannten.

Weil die Scan-Verfahren – im Gegensatz zu Elektrosonden – ohne Eingriff in das Gehirn funktionieren, kann das menschliche Denken jetzt systematisch untersucht werden. Neue Konfliktthemen sind vorprogrammiert: Warum sollten etwa Scanner nicht eines Tages an Flughäfen Reisende mit hohem Aggressionspotenzial identifizieren? Die bioethische Diskussion hierzu muss bald beginnen, um nicht – wieder einmal – von der technischen Entwicklung überrollt zu werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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