Meinung : „Ich werde nicht schweigen“

Susanne Güsten

Auf einen Mann wie ihn sollte die Türkei eigentlich stolz sein. Der 52-jährige Istanbuler Journalist Hrant Dink ist Chef der armenischen Wochenzeitung „Agos“ und ein Beweis für die kulturelle Vielfalt seines Landes. Aber die meisten Türken sind nicht stolz auf ihn. Denn er besteht darauf, Dinge beim Namen zu nennen, die viele seiner Mitbürger unter den Teppich kehren wollen: Er spricht öffentlich von einem Völkermord der Türken an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

„Ich werde nicht schweigen“, sagt Dink. Das bringt ihm viel Ärger mit Nationalisten und mit der Justiz ein. Seit Jahren sieht er sich immer wieder Gerichtsverfahren gegenüber. Erst in der vergangenen Woche bestätigte das oberste Berufungsgericht der Türkei eine Verurteilung des Journalisten wegen „Beleidigung des Türkentums“.

Dink will das Urteil vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg anfechten, doch seine Gegner geben keine Ruhe. Wegen eines ebenfalls in der vergangenen Woche gegebenen Interviews, in dem er erneut vom Genozid sprach, leitete eine Staatsanwaltschaft in Istanbul auf Betreiben nationalistischer Anwälte ein neues Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Auch dabei geht es um den Vorwurf, der Journalist habe das „Türkentum“ beleidigt.

Türkische Intellektuelle sehen in der Prozesswelle gegen Dink ein Alarmzeichen. Mehr als 400 Autoren, Akademiker und Menschenrechtler solidarisierten sich deshalb am Mittwoch in einer Zeitungsanzeige mit dem Journalisten. Dink kann diese Unterstützung gut gebrauchen, auch wenn der große Mann mit dem grau melierten Haarschopf und den buschigen Augenbrauen ein Kämpfer ist, der nicht so schnell aufgibt. Obwohl er wusste, dass er angefeindet werden würde, erschien er Ende vergangenen Jahres zum Auftakt des Prozesses gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk, der sich ebenfalls wegen „Beleidigung des Türkentums“ vor Gericht verantworten musste.

Hin und wieder zeigen die ständigen Ermittlungen und Prozesse aber auch bei Dink Wirkung. Als ein untergeordnetes Gericht in Istanbul ihn im vergangenen Jahr wegen angeblich antitürkischer Äußerungen verurteilte, brach er in Tränen aus. Er werde das Land verlassen, wenn sich am Ende des nationalen und internationalen Rechtsweges herausstellen sollte, dass er ins Gefängnis müsse, kündigte er an. Es wäre ein schwerer Verlust für die Türkei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben