Meinung : „Ich will meinen Ruf wieder herstellen“

Caroline Fetscher

Den elegantesten Vorort von Buenos Aires hatte Milan Lukic zu seinem Versteck erkoren, vor kaum drei Wochen. Am Dienstag holte er auch seine junge Frau und die sechsjährige Tochter vom Flughafen ab, doch aus der Familienidylle wurde nichts. Als Polizisten den gesuchten Kriegsverbrecher am gleichen Tag in Buenos Aires umstellten und fassten, hatte der bosnische Serbe alles parat, was der Krimi lehrt: falschen Pass, Tausende von Dollar in bar und eine gute Ausrede. Er wolle sich ohnehin dem Haager UN-Tribunal stellen, soll Lukic behauptet haben. Er sei unschuldig im Sinne der Anklage.

Die könnte drastischer kaum sein. Lukic, geboren 1967 in einem kleinen Dorf bei der Stadt Visegrad an der Drina, ist ein satter Fang für Den Haags Jugoslawientribunal. Dessen Ankläger werfen ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und Folter von Zivilisten vor. Einst ein netter Nachbar seiner muslimischen Freunde, mit denen er sogar Moscheen besuchte, verlieh sich der junge Milan bei Kriegsausbruch den Spitznamen „der Rächer“ und wurde als Kopf der paramilitärischen Einheit „Beli Orlovi“ (Weiße Adler) zu einem Massenmörder – an der Seite des Warlords Zeljko „Arkan“ Raznatovic. Lukic soll höchstpersönlich für wenigstens zwei der Massaker an Muslimen in Visegrad verantwortlich sein. Laut der Haager Anklageschrift stand er den „Orlovi“ von 1992 bis 1994 vor.

Ihren Terror richteten die Einheiten gegen die 14000 Muslime des Ortes, von denen nur etwa hundert die Taten der „ethnischen Säuberer“ überlebten. Zu deren Methoden gehörte es, wahllos Männer, Frauen und kleine Kinder auf die Mehmed-Pasa-Sokolovic-Brücke zu zerren – Ivo Andrics berühmte „Brücke über die Drina“. Sie warfen die Menschen in den Fluss und setzten sie im Wasser dem Kugelhagel aus. Im Juni 1992 erreichte den Visegrader Polizeichef Milan Josipovic die Beschwerde eines Managers am serbischen Hydrokraftwerk Bajina Basta, so berichtete das Londoner „Bosnian Institute“. Man solle weniger Leichen auf einmal in den Fluss werfen, sagte der Manager, sie blockierten die Abflüsse.

Lukics Paramilitärs trieben auch ganze Familien in Häusern zusammen und zündeten sie an. „Ich lebe für den Tag, an dem sie Milan Lukic verhaften“, sagte die Überlebende Advija Ziga. Der Tag kam. Dann nutzte auch der falsche Pass nichts mehr, den der serbische Geheimdienst Lukic besorgt haben soll.

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