Meinung : „Ich will Ministerpräsident werden“

Antje Sirleschtov

Schon wieder ein Naturwissenschaftler! Nach SPD-Chef Matthias Platzeck – einem Kybernetiker – tritt nun erneut ein ostdeutscher Politiker an die Spitze der Sozialdemokraten, der mit der Logik von Zahlen aufgewachsen ist: Jens Bullerjahn, 43, gelernter Elektroingenieur aus Sachsen-Anhalt, ab Donnerstag Chef des „Forum Ost“ der Bundes-SPD und möglicherweise im nächsten Jahr Ministerpräsident seines Bundeslandes. Dass Platzeck ausgerechnet Bullerjahn für den Vorsitz des Diskussionskreises Ost vorgeschlagen hat, ist kein Zufall, sondern Strategie, weil im Frühjahr in Magdeburg ein neuer Landtag gewählt wird und Platzeck weiß, wie wichtig bundesweite Promotion für einen eher unbekannten Spitzenwahlkämpfer ist.

Aber auch inhaltlich: Nach einem Jahrzehnt Brandenburger Regionalpolitik unter Manfred Stolpe hat Platzeck seinem Bundesland einen Richtungswechsel verpasst, der den Zielen von Bullerjahn sehr nah ist. Beide wissen, dass der Traum von der flächendeckenden industriellen Entwicklung des Ostens 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ausgeträumt ist und das Geld in Zukunft intelligenter ausgegeben werden muss als bisher.

Bullerjahn, ein Kind des Mansfelder Landes, hat selbst miterlebt, was aus einer Region wird, wenn der größte Arbeitgeber wegfällt und an seine Stelle außer ABM-Maßnahmen kaum etwas tritt, was den Menschen begründete Hoffnung auf ein erfülltes Leben macht. Sein Resümee: Der Aufbau Ost nach herkömmlichem Muster – sorgsam austariert im Solidarpakt – kann so nicht funktionieren. Als Chef der SPD-Landtagsfraktion hat sich Bullerjahn deshalb vor ein paar Jahren tief in das Zahlenwerk gebeugt und anhand der Bevölkerungsentwicklung, des Wirtschaftswachstums und der öffentlichen Finanzen eine für ganz Ostdeutschland gültige These aufgestellt: Geht alles so weiter, rutscht der Osten in ein paar Jahren in ein finanzielles und gesellschaftliches Loch.

Viel Kritik hat ihm das damals eingebracht, vor allem in den eigenen Reihen. Wer politisch Karriere machen will, hatten ihm die Genossen geraten, der verbreitet keine Negativ-Szenarien. Schon gar nicht, wenn die eigene Partei zwischen PDS und Union zerrieben zu werden droht. Doch Bullerjahn hat das offenbar wenig interessiert. Der Bitte Platzecks, den Vorsitz im Forum Ost zu übernehmen, begegnete er mit einer schelmischen Drohung: Zahm werde er nicht sein.

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