Meinung : „Ich will nicht, dass …

Caroline Fetscher

… meine Nation in Knechtschaft lebt!“

Als Julia Timoschenko diesen klassischen Satz in einem BBC-Interview sagte, im August 2004, war ihr voll bewusst, dass sie die stärkste Person hinter Viktor Juschtschenko ist. Mehr noch: Vielen der Orange-Demonstranten in Kiew gilt die begabte Einheizerin als „Göttin der Revolution“. Manche ziehen die Politikerin mit dem betont traditionellen Zopfkranz sogar dem Oppositionskandidaten vor. Vergessen scheint bei der Menge, dass Julia Timoschenko – wie Präsident Leonid Kutschma, den sie seit Jahren attackiert und schon einmal als „Kakerlake mit Rotschopf“ bezeichnete – vor wenigen Jahren noch als Profiteurin ihrer Macht galt.

Geboren 1960 in Dnipropetrovsk, dem politischen Zentrum des Ostens der Ukraine und Hochburg der   Schwermetallindustrie, studierte die fleißige Timoschenko Ökonomie und veröffentlichte Dutzende ihrer Forschungsergebnisse. Dort begann sie auch ihre Karriere als Finanzexpertin im Management großer Betriebe, bis sie sich für die Politik entschied. Rasch stieg die ehrgeizige Abgeordnete unter Premier Pavlo Lazarenko zur Vizepremierministerin auf. Zugleich war sie Ministerin für Energie und Wirtschaft und Kopf des Budgetkomitees im Parlament.

Ab Mitte der 90er Jahre begann Timoschenko, wie sie sagte, unter den Oligarchen aufzuräumen und systematisch die Milliardenschulden zu tilgen, die das Land gegenüber Russland hatte. Bald warf man ihr vor, sich im Amt zu bereichern, und im Januar 2000 enthob Kutschma sie ihrer Ämter. Sie selbst führte das auf den Zorn der von ihr entmachteten Oligarchen zurück. 2001 kam sie kurzfristig „wegen Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung“ in Haft. Sie beschuldigte Kutschma, den Mord an einem oppositionellen Journalisten veranlasst zu haben, und überlebte selbst Anfang 2002 einen offenbar inszenierten Autounfall.

Timoschenko ist die Zentralfigur einer breiten, oppositionellen Koalition, die den Namen „Mutterland“ trägt, sie gilt als charismatische, populistische, und entschlossene Demokratin. Über die Vergiftung Juschtschenkos sagte sie sofort – und als erste – an die Adresse Kutschmas: „Das wird Konsequenzen haben!“ Timoschenko kann zugleich auch ganz praktisch sein: „Ganz Kiew ist jetzt schon orange“, sagte sie unlängst ihren Anhängern. „Also wartet nicht weiter auf Anweisungen vom Hauptquartier, sondern schneidet orangenen Stoff in kleine Stücke und verteilt sie überall.“

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