Meinung : „Ich wusste nicht einmal, wo das Ministerium ist“

Antje Sirleschtov

Dass es gerade jetzt viele gibt, die von Michael Glos, dem bayerischem Christsozialen und Bundeswirtschaftsminister, mehr deftige und vor allem kritische Worte über die Politik der großen Koalition hören würden, liegt auf der Hand: Die Umsatzsteuern werden steigen, die Steuerreform für Unternehmen wird aller Voraussicht nach keinen wirtschaftsliberalen Freudentaumel auslösen und die Gesundheitsreformer lassen im Finanzministerium schon mal rechnen, auf welche Weise man am besten zweistellige Milliardenbeträge von den Einkommensteuerzahlern einziehen kann. Zusätzlich, versteht sich.

Alles zusammen also eigentlich genügend Gründe für Michael Glos, den Amtserben von Ludwig Erhard, mal richtig auf die Pauke zu hauen. So, wie man es von ihm kannte, als er noch CSU-Landesgruppenchef und einer der schneidigsten Gegenspieler der rot-grünen Regierung war. Doch Glos schweigt. Meistens jedenfalls. Und mehrt damit unweigerlich die Zahl derer in Politik und Wirtschaft, die sich fragen, was dieser Minister eigentlich in diesem Amt will.

Und in der Tat hat sich der Öffentlichkeit aus Glos’ bisheriger Amtszeit noch nicht erschließen können, wie dieser Minister seine Rolle im schwarz-roten Kabinett sieht. Weder ist er eingebunden in die Gesundheitsreform, obwohl es doch in derselben um die Gesamtheit der deutschen Gesundheitsindustrie geht. Noch spricht er ein vernehmbares Wort bei der Reform der Unternehmenssteuern mit. Das traditionsreiche Regierungsamt, das Edmund Stoiber nicht haben wollte, fällt unter Michael Glos bisher politisch kaum ins Gewicht.

Der sprachgewandte Minister selbst macht kein Hehl daraus, dass er es sich „nicht in den wildesten Träumen hätte ausmalen können“, zum Bundeswirtschaftsminister ernannt zu werden. Weil er – gelernter Müllermeister und viel geachteter Strippenzieher in der Unionsfraktion – doch von der Sache gar nichts verstehe. Und, wie mancher in seinem Ministerium bis heute behauptet, auch gar nichts verstehen will. Weshalb er es bei Industrieempfängen und Auslandsreisen gerne mit unverfänglichen Diskussionsbeiträgen bewenden lässt.

Die Kanzlerin ist damit offenbar zufrieden. „Hervorragende Arbeit“ leiste der Wirtschaftsminister, verkündete Merkels Regierungssprecher nach jüngsten Gerüchten um Glos’ Ablösung.

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