Meinung : „Ihr hattet ja keinen Job für mich“

Hans-Hagen Bremer

Es war Wahlkampf. Da wurde mit harten Bandagen gefochten und manches Wort gesagt, an das sich die Protagonisten heute nicht mehr gern erinnert sehen wollen. Etwa an das Wort über den Kandidaten, der zur Pädophilie einen „einzigartig gefährlichen, wenn nicht völlig unverantwortlichen Standpunkt vertritt“ und mit „seinen Thesen zu nationaler Identität auf ein historisch skandalöses Terrain abgleitet“. Ziel dieser Angriffe war Nicolas Sarkozy, geritten hat sie Bernard Kouchner, damals streitbarer Militant an der Seite der Sozialistin Ségolène Royal. Das ist nun vergessen. Präsident Sarkozy hat den ehemaligen sozialistischen Minister und populären Gründer der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ als Außenminister in seine Regierung geholt.

Träume gehen damit in Erfüllung. Für Sarkozy ist es die Besetzung eines wichtigen Ministerpostens mit einer Persönlichkeit der Linken, um die Öffnung seiner Regierung über die Parteigrenzen zu belegen und der Linken vor der Parlamentswahl im Juni eines ihrer Zugpferde auszuspannen. Für Kouchner ist es die Erfüllung der Hoffnung, als Repräsentant eines großen Landes dort eingreifen zu können, wo Menschen durch die Konflikte der Mächtigen in Not geraten. Als junger Arzt war er für das Rote Kreuz nach Nigeria gegangen. Vom Elend der Zivilbevölkerung im Biafra-Krieg war er derart geschockt, dass er sich über die ihm von seinem Auftraggeber auferlegte Pflicht zur Neutralität hinwegsetzte und die Gräuel anprangerte. Das war die Geburtsstunde der legendären „French doctors“, die sich fortan überall auf der Welt engagierten und mit spektakulären Medienauftritten die Gewissen wach rüttelten. Und der Ursprung des Rechts auf Einmischung, in dessen Namen die Vereinten Nationen heute intervenieren.

In ihrem Namen machte Kouchner Karriere. Doch über Ministerämter für humanitäre Aktion, Gesundheitspolitik und die Aufgabe des UN-Zivilverwalters in Kosovo führte sie nicht hinaus. So griff er jetzt zu. Eine solche Chance würde sich dem 67-Jährigen so bald nicht wieder bieten. „Ihr habt ja keinen Job für mich“, rechtfertigte er seinen Schritt gegenüber enttäuschten Parteifreunden. Ob die Arbeit unter dem machtbewussten Sarkozy das Richtige für ihn ist, bleibt indes fraglich. Die Außenpolitik gehört wie die Verteidigungspolitik zu den Domänen, in denen sich der Präsident das letzte Wort vorbehält. Der Minister ohne Grenzen könnte deshalb bald an die eigenen Grenzen stoßen.

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