Meinung : „Ihr wisst ja: Politik macht süchtig“

Hans Monath

Es klang wie ein Echo aus fernen Zeiten und ging den Zuhörern wohl gerade deshalb sehr zu Herzen. „Ich bitte euch ganz, ganz ehrlich um eure Stimme, damit ich immer mit den anderen schimpfen kann, wenn sie mal wieder die Beschlüsse der BDK missachten“, flötete die junge Frau bei ihrer Bewerbung um einen Sitz im Parteirat der Grünen auf deren „Bundesdelegiertenkonferenz“ (BDK) am Wochenende in Köln. Sie verdiene ihr Geld weder im Bundestag noch in der Partei und wolle ganz basisdemokratisch die Strukturen „ein wenig aufbrechen“.

Eine Stunde später hatte die 27-jährige Studentin erfahrene Politikerinnen wie Katrin Göring-Eckardt geschlagen und mischt nun im wichtigsten Entscheidungsgremium der Grünen zwischen den Parteitagen mit. In Köln trat sie mit frecher Frisur, kurzem Rock und geringelter Strumpfhose auf, deren dekoratives Loch die Kameras fast magisch anzog. Schnell machte das Wort von der grünen „Pippi Langstrumpf“ die Runde.

Die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld der frühen Jahre ist bei den Grünen trotz aller Regierungserfahrung so ungebrochen, dass ein frecher Auftritt und aggressive Töne gegen vermeintliche Apparatschiks an der Spitze reichten. Zumindest den medialen Unterhaltungswert der Ökopartei dürfte die Neue steigern. Der Parteifreundin Antje Vollmer empfahl sie im Streit um die Quote für deutsche Musik: „Stop this fucking nationalism, Antje“. Erbost zeigte sie sich Anfang 2005 darüber, dass die rot-grüne Regierung „Zauberpilze“ verbot. Im Sommer traf es Hessens Parteichef Matthias Berninger, der für eine Jamaika-Koalition warb. „Graugesichtige Jungspunde ohne Persönlichkeit“ wollten eine Regierung mit Union und FDP herbeireden, schimpfte sie.

Auf Seeligers Homepage weisen dekorative Fotos mit unterschiedlicher Haarfarbe darauf hin, dass sich die passionierte Judokämpferin recht gut zu inszenieren weiß. Auch der Kölner Auftritt war nicht ganz so spontan entstanden, wie viele Zuhörer glauben wollten. Doch er klappte so gut, dass die Berliner Grünen, deren Mitglied Seeliger erst seit kurzem ist, mit ihrer Parteiratskandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig leer ausgingen.

Uneinig waren sich erfahrenere Grüne nachher, ob die Neue nun politische Desaster anrichten oder frische Impulse geben wird. Offenbar will sie dem Metier länger verbunden bleiben. In einem Interview verkündete sie schon vor vielen Monaten: „Ihr wisst ja, Politik macht süchtig.“

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