Meinung : Ikarus auf dem Rennrad

Bei aller Häme: Lance Armstrong bleibt ein Künstler, dem viele das Doping verzeihen werden

Helmut Schümann

Der Mann war reif. Jetzt wird er zur Schlachtbank geführt. Lance Armstrong, der siebenmalige Tour-de- France-Sieger, war nach Aussage des vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannten französischen Doping-Kontroll-Labors Châtenay-Malabry gedopt. Das ist eine Nachricht, die den ohnehin nie unschuldigen Radsport erneut in seinen Grundfesten erschüttert. Aber es ist auch eine Nachricht, auf die man gewartet hat. Endlich ist es raus: Der Mann, der das größte Radsportereignis beherrscht hat wie kein Mensch vor ihm, und der nach seinem letzten Sieg seine Vergöttlichung zum Wohle des Radsports gefordert hat, scheint zumindest in einem Fall des Betrugs überführt worden zu sein.

Der Schock der Welt dürfte sich in Grenzen halten. Eher wird Häme die Beurteilung des Falls begleiten: bei den Franzosen, denen er über sieben Jahre lang das Heimspiel verhagelt hat; bei uns Deutschen, denen er ein ums andere Mal den Jan Ullrich düpierte; bei den Kollegen, die sich betrogen fühlen, selbst wenn es sich, was man im Radsport immer gewärtigen muss, um betrogene Betrüger handelt. So hoch, wie Lance Armstrong stieg, darf niemand steigen. Der Sturz ist umso tiefer, wenn sich seine Predigt für die Reinheit des Sportes als verlogen enttarnt. Und radelte er nicht unlängst mit Präsident George W. Bush? Runter vom Rad mit dem Kerl!

Seien wir ehrlich: Gemocht haben wir ihn nie. Daran konnte seine dramatische Krankengeschichte und der besiegte Hodenkrebs nichts ändern, auch seine Love-Story mit der Sängerin Sheryl Crow verschaffte ihm keine ausstrahlende Wärme. Armstrong war zu kalt, zu perfekt, um ein sympathischer Held zu sein. Und es ist fast tröstlich, dass er Menschlichkeit erst im Fehltritt bekommt.

Im Übrigen stellt sich die Was-wäre-wenn-Frage nicht, auf gar keinen Fall. Was wäre geschehen, wenn Armstrong sauber über die Berge gestrampelt wäre, hätte dann Jan Ullrich, zwei-, drei-, viermal die Tour gewonnen? Nein, die Frage ist unstatthaft. Zum einen ist unbewiesen, ob der Amerikaner auch in den Jahren nach 1999 gedopt war. Zum anderen – man hört es nicht gerne, aber es bleibt dennoch wahr – ist denn bewiesen, dass die der Armstrong’schen Macht Unterlegenen nicht ebenfalls illegal aufgepeppt waren?

Doping ist Teil des Prinzips Profi-Radsport. Das ist bedauerlich und zu bekämpfen. Aber nicht einmal der Sturz des Besten aller Besten (und das bleibt Armstrong trotz alledem) wird die Attraktivität dieses Sports schmälern. Nach der Enttarnung des 100-Meter-Sprinters Ben Johnson erlebte die Leichtathletik ein ernüchterndes Verblassen ihrer Faszination. Nun ist der Ben Johnson des Radsports enttarnt – und bei der nächsten Tour werden wieder Millionen vor dem Fernseher sitzen und gebannt zuschauen, wenn der Tross sich über die Alpen quält.

100 Meter, die sind in knapp zehn Sekunden vorbei, wo ist da die übermenschliche Leistung? Der Angriff auf den Gipfel dagegen dauert Stunden. Man sieht ehrliche Leidenschaft, man sieht ehrliche Leiden. Und dann ist es wie beim Künstler, der kokst. Wenn er uns denn Leidenschaft schenkt mit seiner Kunst, sind wir allzu bereit, ihm die Droge zu verzeihen.

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