Meinung : Illegal, aber auch egal

In den privaten Haushalten blüht die Schwarzarbeit – davon profitiert auch der Staat

Tissy Bruns

Vor zwei Jahren klingelte es in Essen Sturm. Bei der Minijob-Zentrale gingen 25 000 Anrufe pro Tag ein, üblich sind 7000 bis 10 000. In den ersten zwölf Januartagen 2004 liefen 42 000 E-Mails auf. Besorgte Bürger wollten wissen: Wie kann ich meine Haushaltshilfe legalisieren?

Ein Sturm im Wasserglas. Das Bundesfinanzministerium hatte ein neues Gesetz gegen Schwarzarbeit angekündigt, und diesmal sollte es auch die privaten Haushalte erfassen. Doch Hans Eichel drehte schnell bei und beugte sich der praktischen Alltagsvernunft. Baustellen, Eisdielen oder Kneipen kann man kontrollieren – auf illegale Beschäftigung, auf Menschenhandel, auf Steuerhinterziehung. Bei den privaten Haushalten scheitern die guten Absichten an noch besseren Einwänden. Allen voran stellt sich die Verfassung den Schwarzarbeitsfahndern in den Weg: Die Wohnung ist grundgesetzlich geschützt. Zwar ist und bleibt die häusliche Schwarzarbeit eine illegale Ordnungswidrigkeit. Doch Vollzug für die Strafen gibt es am ehesten nach Denunziationen aus der Nachbarschaft, ein unappetitliches, zudem ein zufälliges Instrument.

Aber vor allem ist höchst fraglich, ob die praktische Anwendung von Sanktionen überhaupt wünschenswert wäre. Die schwarzen und grauen Zonen in den Haushalten gleichen ja nur ein schweres Modernisierungsdefizit aus, das Deutschland seit drei oder vier Jahrzehnten von allen europäischen Nachbarn unterscheidet. Wer eine Putz- oder Kinderfrau zu Haus beschäftigt, löst nicht nur sein höchst individuelles Problem, sondern eins der staatlichen Gemeinschaft. Die öffentliche Struktur der Kinderbetreuung ist, wie mittlerweile auch die Unionsparteien anerkennen, hinterwäldlerisch. Bei Ganztagsschulen, Kindergärten und -krippen ist Deutschland Schlusslicht.

Aber Mütter arbeiten trotzdem. Es ist nun schon die dritte Elterngeneration dabei, dieses Dilemma auf eigene Faust zu lösen. Familien ergänzen das dürftige öffentliche Angebot durch flexible Systeme der privaten Ergänzung: Babysitter. Kindergartenabholer und -hinbringer. Die Zugehfrau, die mittags kocht, weil der katholische Kindergarten mittags schließt. Die Putzfrau, die den Eltern Zeit für die Kinder schenkt, weil sie ihnen die Hausarbeit abnimmt. Die Kinderfrau, die sich ein oder mehrere Elternpaare teilen. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass für die Ausbesserungsarbeiten in den Schulen, die der Staat mangels Geld zunehmend den Eltern überlässt, ein Handwerker engagiert wurde, um die gewonnene Zeit mit den Kindern zu verbringen. Und schließlich entwickelt sich die Nachhilfe zu einem Wachstumsmarkt. Nicht nur ältere Schüler und Studenten, auch pensionierte Lehrer finden hier eine Aufgabe.

Und siehe da: Naturwüchsige Problembewältigung kann ebenso hartnäckige und schwer reformierbare Strukturen schaffen wie das staatlich beförderte Wachstum der Sozialsysteme, das so schwer auf ein finanzierbares Maß zurückzustutzen ist. Die illegale Beschäftigung ist über die Jahre zu einem gut funktionierenden Komplott geworden, von dem drei Akteure profitieren: erstens die Haushaltshilfen, die das Schwarzgeld mit Sozialtransferleistungen zu einem ordentlichen Einkommen kombinieren. Ohne den harten Nachteil der klassischen Schwarzarbeit, denn der Sozialtransfer sichert immerhin im Krankheitsfall. Zweitens die Mittelschichten, für die wegen dieser Kombination private Beschäftigung im Haushalt bezahlbar wird. Und das bei halbwegs gutem Gewissen, denn „ohne“ ginge es der Kinderfrau nur schlechter. Drittens der Staat, der ohne diese Lösungen viel mehr unter Druck geriete, die öffentliche Betreuungs- und Infrastruktur zügig auszubauen.

Familien bewegen sich seit den späten 1960er Jahren im Halbschatten der offiziell über sie geltenden Paradigmen. In den ersten anderthalb Jahrzehnten der alten Bundesrepublik stimmten Lebensrealität und Familienbild noch überein. Die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern war weithin akzeptiert, das Steuerrecht wurde in den 1950er Jahren mit dem Ehegattensplitting zielgenau darauf eingestellt. Für den Mainstream der Nachkriegsgesellschaft ein stimmiges Konzept – das Nachsehen, und das allerdings schmerzlich, hatten die Teilfamilien, die Witwen mit den Halbwaisen oder die unehelichen Mütter mit ihren Kindern. Aber die frühe Bundesrepublik hatte wenig Sensibilität gegenüber denen, die vom Wirtschaftswunder nicht profitierten.

Die Wohlstandsentwicklung und die Befreiung der Arbeitsbeziehungen von persönlicher Unterordnung machten das „Dienstmädchen“ in diesen Jahren endgültig zum Auslaufmodell. Durch die allgemeine Lohnentwicklung wurden die Köchin, Wäscherin, Haushaltshilfe für breite Schichten unbezahlbar, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts üblicherweise häusliche Helfer(innen) beschäftigten. Vor allem aber war das Dienstmädchen aus der Sicht der aufsteigenden Arbeiterschaft ein kulturell unerwünschtes, ein zu überwindendes Modell. Die Arbeitertochter konnte Verkäuferin, Schneiderin oder kaufmännische Angestellte werden – „in Stellung“wollte und musste niemand mehr seine Tochter geben.

In den späten 1960er Jahren wurde das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“ sogar zum bevorzugten Objekt der Bildungsbewegung. Jetzt konnte sie Lehrerin werden. Und sie wollte es bleiben, nachdem sie geheiratet und Kinder bekommen hatte. Das offizielle Familienbild und die familiären Realitäten gingen auseinander. Selbst die Modernisierung, die ein Reformer wie Heiner Geißler in der CDU in den 1980ern durchsetzen konnte, lief hinter der Realität her. Die von der Union postulierte „Wahlfreiheit“ der Frauen zwischen traditioneller Familienrolle oder Mutterschaft mit Beruf erwies sich bald als lebensfremde ideologische Kunstfigur. Viele Mütter wollten arbeiten – und konnten nicht, weil fehlende Kindergärten und Horte sie ans Haus fesselten. Noch mehr Mütter – davon ist merkwürdig selten die Rede – müssen mittlerweile arbeiten, weil sie allein erziehen oder die allgemeine Lohnentwicklung es schwer macht, zwei Kinder aus nur einem Elterneinkommen zu ernähren.

Der politische Flügel links der Mitte wiederum pflegte über die Zeit hinaus seine ideologischen Schablonen. Aus der emanzipatorisch motivierten Aversion gegen das Dienstmädchen entwickelte sich in der SPD ein unzeitgemäßes Polemisieren gegen das „Dienstmädchenprivileg“, das bis heute nicht überwunden ist. Helmut Kohls Koalition hatte Beschäftigung in Privathaushalten steuerlich entlastet, um dort Arbeitsplätze zu schaffen. Wahrscheinlich zu spät, die Wirkung blieb gering, die Schattenwirtschaft stand bereits in ihrer ersten Blüte. Die Abschaffung dieses „Dienstmädchenprivilegs“ gehört zu den frühen Taten der rot-grünen Koalition. Begründet wurde sie nicht mehr ideologisch, sondern nur noch mit mangelndem Effekt – aber alle Versuche, über Minijobs mehr Legalität in die häuslichen Beschäftigungsverhältnisse einziehen zu lassen, scheiterten kläglich.

Kein Wunder, dass im Schatten solcher Lebenslügen die Schattenwirtschaft blüht und gedeiht. Und zum Zwecke ihrer Bemäntelung weitere Lebenslügen gehegt und gepflegt werden. In den Betrachtungen über die deutschen Schwierigkeiten mit Dienstleistungen spielt der amerikanische Schuhputzer eine tragende Rolle. Keine Diskussion zu diesem Thema ohne den Hinweis, wie schön es doch ist, sich vom Schuhputzer bedienen zu lassen – und wie albern die Deutschen, wenn sie diese Vorzüge nicht erkennen wollen. Das ist ein doppelter Euphemismus: Die Deutschen lassen sich längst in großem Maßstab bedienen. Aber die allgemeine Unfähigkeit, mit den tatsächlich vorhandenen privaten Dienstleitungen aufrichtig umzugehen, findet ein verschämtes Ventil im Lob für den amerikanischen Schuhputzer.

Der allerdings hat im Vergleich zur deutschen Kinderfrau oder Haushälterin die schlechtere Karte gezogen. Eines der stärksten Motive, die Arbeit in privaten Haushalten zu legalisieren, müsste die Qualität dieser Arbeitsplätze sein. Im durchschnittlichen deutschen Mittelschichtenhaushalt erwarten die allerwenigsten Arbeitgeber ein demütiges Dienstmädchen. Wo Kinder betreut oder Eltern wegen ihrer Kinder entlastet werden wollen, sind die Arbeitsbeziehungen frei von der früheren Unterordnungsmentalität. Denn in den meisten Fällen wollen Eltern in solchen Arbeitsbeziehungen ihren Kindern praktisch vorleben, wozu in der Kleinfamilie wenig Gelegenheit besteht: wie Menschen in dienstlichen und hierarchischen Beziehungen vernünftig miteinander umgehen. Die Arbeit im privaten Haushalt kann „gute“ oder jedenfalls „ganz gute“ Arbeit sein, was die Organisation der Arbeitsbeziehungen betrifft. Wenn es um direkte Aufgaben der Kinderbetreuung geht, dann handelt es sich zwar in der Regel um einfache Arbeit, aber doch um solche mit sinnstiftendem Inhalt.

Über das Ausmaß der illegalen Beschäftigung in privaten Haushalten gibt es nur Schätzungen. Doch Massenanfragen wie die vom Januar 2004 lassen nur den Schluss zu, dass es um ein Massenphänomen geht. In Berlin waren damals ganze 884 Haushaltshilfen legal bei der Minijob- Zentrale registriert; immerhin 3280 Haushalte hatten zu diesem Zeitpunkt die Unfallversicherung für Beschäftigte im Haushalt abgeschlossen, bei der diese anonym bleiben können. Aber jeder weiß, dass in einer Drei-MillionenStadt auch diese Zahl von der Wirklichkeit weit entfernt ist. Über 90 Prozent aller Putzfrauen arbeiten nach Schätzungen der für die Unfallversicherungen zuständigen Berufsgenossenschaften schwarz. Jeder 13. Haushalt, etwa drei Millionen Beschäftigte, sollen an illegaler Haushaltstätigkeit beteiligt sein.

Ein lohnendes Projekt. Aber wie kann legalisiert werden, was illegal so erfolgreich läuft? Der kleine Schritt, den die große Koalition mit der steuerlichen Entlastung für private Haushaltsbeschäftigung gegangen ist, weist in die richtige Richtung. Aber er zeigt auch das ideologische Dickicht, das immer noch über diesem Thema liegt. Denn die Koalitionäre hatten je eigene Überschriften dafür gefunden. Während Angela Merkel darin ein Beschäftigungsprogramm sieht – Ziel: mehr haushaltsnahe Arbeitsplätze – hat die SPD aus Angst vor ihren alten Dienstmädchen-Schablonen ein steuerliches Entlastungsprogramm für berufstätige Eltern daraus gemacht.

Beide Überschriften haben gute Argumente auf ihrer Seite. Aber die verlegene Suche nach der richtigen Begründung gibt einen Fingerzeig, worauf es zuerst ankäme, wenn etwas in Bewegung geraten soll: eine nüchterne Bestandsaufnahme. Am besten wäre, wenn die Koalition einen Rat der berufstätigen Mütter einberuft, um sich ein ungeschminktes Bild davon zu machen, wie es wirklich zugeht in den vier Wänden der deutschen Familien.

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