Meinung : Im Abwärtssog

Das gegenseitige Aufrechnen zwischen Ost und West schadet dem Einheitsprozess

Hermann Rudolph

Viel ungünstiger hätte der Zeitpunkt für die Bemerkungen des Bundespräsidenten über die Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse in Ost und West nicht sein können. Denn sie haben das ost-westliche Binnenverhältnis im Zustand eines tiefen Temperatursturzes getroffen. Die Montagsdemonstrationen, die Hartz-IV- Proteste in den neuen Ländern sind ernst zu nehmen, weil sie das signalisieren – über alle sozialpolitischen Problemlagen hinaus, die dabei eine Rolle spielen. Nicht anders das dunkle Gewölk, das über den Wahlen in Sachsen und Brandenburg am Sonntag hängt: Die prognostizierten Gewinne von PDS und NPD und der Abwärtssog, der an den Volksparteien zerrt, zumal der SPD, zeigen ja nichts anderes als eine galoppierende Unzufriedenheit, die gegenüber rationalen Argumenten taub macht. Am deutlichsten findet dieser Zustand seinen Niederschlag in den Umfragezahlen. Sie sind eine kalte Dusche für alle, die die Vereinigung für ein wichtiges Thema halten.

Gewiss kann man sich fragen, ob zum Beispiel die zustimmenden Bewertungen der Mauer mehr sind als ein trotziges Abreagieren und wie ernst man die kritischen Einschätzungen nehmen muss, die sich Ossis und Wessis neuerdings gegenseitig um die Ohren schlagen. Aber diese Umfragen zeigen nicht nur einen empfindlichen Riss im vereinten Deutschland. Eigentlich zum ersten Mal in den vergangenen 15 Jahren tritt hier der Mechanismus des gegenseitigen Aufrechnens und Vorwerfens zwischen Ost und West massiv zu Tage. Der Westen ist an allem schuld, der Osten ist undankbar, als gemeinsamer Nenner bleibt ein zorniges: Es reicht. Es meint im Osten die sozialen Einschränkungen, im Westen die Transferleistungen. So holt die vereinigten Deutschen nun, wo die Decke auch im Westen kürzer wird, die Teilung noch einmal ein – im Schlagabtausch von Westen und Osten, in der Zunahme der Distanz.

Natürlich kann man das alles erklären. Der Osten ist ja tatsächlich gebeutelt von Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung, massenhafter Abwanderung; das Gefühl der Zweitrangigkeit zieht den Schlussstrich darunter. Der Westen seinerseits hat den Osten nie wirklich als Problem ernst genommen; er hat ihn als eine Art Mündel betrachtet, das man mit Geld ruhig stellen kann. Aber bringen uns solche Erklärungen, zum hundertsten Male aufgewärmt, weiter? Das täten sie nur dann, wenn ihr Ergebnis der nüchterne Blick auf die Situation wäre. Wenn sie die Spur legten zu einer vernünftigen Bilanz der Erfolge und der Niederlagen im Einheitsprozess. Wenn sie die Neigung bremsten, angesichts des unbefriedigenden Gangs der Dinge sogleich das Scheitern von Vereinigung und Aufbau Ost auszurufen.

Das nämlich ist keineswegs der Fall. So wie es die Arbeitslosen und die Industriebrachen gibt, gibt es ja wirklich auch die blühenden Landschaften. Der Blick beispielsweise auf restaurierte Städte und Dörfer im Osten, dieser größten Rettungsaktion am städtisch-kulturellen Erbe seit den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, bestätigen es ebenso wie die neuen industriellen Leuchttürme in Leipzig, Dresden und anderswo. Man darf den Aufbau Ost, der tatsächlich existiert, nur nicht mit neuen Illusionen düngen – als könne man mit einem wirtschaftpolitischen Kunstgriff oder auch nur neuen Milliarden in absehbarer Zeit einen Aufschwung herbeiführen, der auch Vorpommern und die Lausitz erfasste. Und man muss die Stärke entwickeln, mit den Kontrasten zu leben.

Können wir das? Dass wir es offensichtlich nicht können, ist das Ärgerlichste an den gegenwärtigen Debatten. Im Osten antworten viele auf die zugegeben schwierige Lage mit einer aggressiven Larmoyanz. Im Westen wächst die Neigung, dem Osten – nach dem Motto: Wer von Görlitz spricht, soll von Gelsenkirchen nicht schweigen – die eigenen Probleme in Rechnung zu stellen. Angelehnt an eine alte Weisheit könnte man sagen, dass Geld nicht alles ist, besonders wenn man keins hat. Ohne die Fähigkeit zum fairen gegenseitigen Wahrnehmen, ohne Bewusstsein für das Ausmaß der ost-westlichen Schwierigkeiten laufen wir Gefahr, polemisierend und polarisierend den Boden abzutragen, auf dem das vereinte Deutschland steht.

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