Meinung : Im Ackermannland

Das Theater um den Chef der Deutschen Bank offenbart die Rückkehr totalitären Denkens

Moritz Schuller

Es ist kein Wunder, dass in einem Land, das an nichts mehr glaubt, die Gretchenfrage lautet: „Wie hältst du es mit Ackermann?“ An der Haltung zum Chef der Deutschen Bank erkennt man den ideologischen Zustand des Landes. Ist es also Verwirrung, dass Josef Ackermann mit der kolportierten Aussage, er würde sich schämen, in der Krise Staatsgeld zu nehmen, nun Kritik erntet statt Lob? Immerhin lässt der Großbanker damit erkennen, dass auch er es für bedenklich hält, erst Geld zu verzocken und dann nach der öffentlichen Hand zu greifen.

Doch offenbar geht es in Deutschland schon nicht mehr um die Finanzkrise. Verdi-Bundesvorstandmitglied Uwe Foullong vermisst bei Ackermann „Selbstkritik“. Und auch in einem Beitrag in der „Zeit“ stand der Wunsch, dass all die „Marktideologen und Staatsverächter“ sich nun „ein kleines bisschen schämten“. Der Satz von Peter Sodann, dem Präsidentschaftskandidaten der Linken, er würde Ackermann verhaften, wäre vielleicht ein Witz, wenn er nicht in diesem ideologischen Resonanzraum gefallen wäre. Früher hieß das: Übt Selbstkritik, und die Partei wird euch verzeihen. Komisch war daran nichts.

Den Präsidenten des Ostdeutschen Sparkassenverbandes, Claus Friedrich Holtmann, stört etwas anderes an Ackermanns Aussage: „Es ist nicht im Sinne der Gemeinschaft, jemanden zu diskriminieren, der eine staatliche Hilfe in Anspruch nimmt – die wir alle ja wollen.“ Ackermann gefährdet mit seinen Worten offenbar den nationalen Rettungsplan, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Früher hieß das: Volksgemeinschaft.

All das ist nichts anderes als die Rückkehr des totalitären Denkens. Und die fiebrige Schadenfreude, die so viele erfasst hat, zeigt, wie ungeduldig dieses Denken auf seine Rückkehr gewartet hat, wie stark der Druck geworden sein muss in den dunklen Jahren der „neoliberalen Revolution“. Denn das gehört natürlich auch zum Mythos: dass in Deutschland mit Ronald Schröder und Margaret Merkel die reine Lehre an die Macht gekommen ist, dass es dasselbe Denken war, das zur Agenda 2010 und zur Finanzkrise geführt hat. Mit der vermeintlichen „Verstaatlichung“ der Banken wird demnach gleichzeitig historische Gerechtigkeit vollzogen.

Die Definitionsmacht über die Lage der Nation hat sich verschoben. Doch die Rechthaber von heute sind nicht anders als die Rechthaber von damals, es ist derselbe ideologische Paartanz: Jetzt führt eben mal wieder der andere. Wieder einmal stehen wir am Abgrund, diesmal sind nicht die Sozialstaatler dafür verantwortlich, sondern die Marktwirtschaftler. Ob Demografiedebatte oder Finanzkrise – immer steht in Deutschland gleich die Gemeinschaft, die Nation, das gesamte System auf dem Spiel.

Dass auch die Politik auf dieser ideologischen Wippe turnt, ist freilich verantwortungslos. Sie wird die Versprechen, die sie sich jetzt mit all der selbstgerechten Marktschelte auflädt, nie einlösen können. Wenigstens sind es nicht nur die Deutschen, die wieder einmal so leidenschaftlich mit allem auf den Staat setzen: Frankreichs Präsident möchte gerade Europas Schlüsselindustrien teilverstaatlichen. Der totalitäre Rausch ist offenbar international.

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