Im Dauerfeuer der digitalen Reize : Das zerstreute Ich

Google, Twitter, Facebook, Youtube: Alle kämpfen rund um die Uhr um unsere Aufmerksamkeit. Im Dauerfeuer der digitalen Reize werden wir innerlich ortlos. Steckt darin auch eine Chance?

Wolfram Eilenberger
Die sozialen Netzwerke nehmen immer mehr Einfluss auf unseren Alltag.
Die sozialen Netzwerke nehmen immer mehr Einfluss auf unseren Alltag.Foto: dpa

Mister Zuckerberg, habe ich Ihre volle Aufmerksamkeit?“ – „Nein.“ –„Glauben Sie, ich verdiene Ihre volle Aufmerksamkeit?“, hakt der befragende Anwalt nach. Schließlich stehen bei dem Gerichtsverfahren mehrere hundert Millionen Dollar auf dem Spiel. Doch Mark Zuckerberg (gespielt von Jesse Eisenberg) blickt in dieser Schlüsselszene des Films „The Social Network“ nur geistesabwesend aus dem Fenster, malt mit einem Bleistift Doodles auf einen Notizblock und antwortet schließlich: „Sie haben das notwendige Minimum meiner Aufmerksamkeit.“ Der Rest seines Geistes weile im Hauptquartier seiner Firma, wo derzeit Dinge geschähen, die niemand der im Raum Anwesenden – außer ihm selbst natürlich – zu verstehen in der Lage sei.

Aufmerksamkeit: volle, aktive, ungeteilte, andauernde Aufmerksamkeit. Kaum jemand wüsste den Wert dieser Ressource besser einzuschätzen als der Gründer von Facebook. Tatsächlich ist sie im 21. Jahrhundert zum entscheidenden Rohstoff des heutigen Kapitalismus geworden. Ob Google oder Twitter, Facebook oder Youtube, was anderes verleiht diesen hunderte Milliarden schweren Neugründungen ihren Wert als unsere Aufmerksamkeit? Kein Wunder also, dass sich um dieses Gut ein Wettbewerb entwickelt hat, dessen ungewöhnliche Härte wir jeden Tag am eigenen Leibe und vor allem Geiste zu spüren bekommen: durch Pop-up-Windows und Push-Nachrichten, Live-Ticker und Google-Alerts. (...)

- Der vollständige Essay erschien am 9. Februar 2014 im Tagesspiegel. Er ist gleichzeitig die Einleitung zum Titeldossier "Der zerstreute Mensch" des in Berlin erscheinenden Philosophie Magazins (Februar-Ausgabe). Aus Urheberrechtsgründen finden Sie ihn kostenpflichtig nur noch dort unter www.philomag.de

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